Heute ein Brief, der aus tiefem Herzen kommt — aus meinem eigenen und aus vielen Herzen meiner Leser. Ich hoffe, er trägt dazu bei, dass mehr Ärzte sich bewusst machen, welche Macht ihre Worte haben. Macht, die heilen kann. Oder verletzen.
Liebe Ärzte,
Ich habe manchmal den Eindruck, ihr seid euch eurer Rolle überhaupt nicht bewusst.
Wenn ich höre und lese, was Menschen mit komplexen Beschwerden mir berichten, und wenn ich mich an meine eigene Geschichte erinnere, wirkt es auf mich so, als sähen sich manche Mediziner als unverbesserliches Produkt einer privilegierten und anstrengenden Ausbildung, aus der sie nicht nur gefragte Kompetenzen mitgenommen haben, sondern auch das Gefühl, von „ganz da oben“ auf die kleinen Lichter weiter unten spucken zu dürfen.
„Kümmern Sie sich lieber um Ihre Kinder.“
„Gehen Sie mal arbeiten, anstatt ständig beim Arzt zu hocken.“
„Jaja! Muss ich alles nicht wissen.“
„Sie sind einfach empfindlich und steigern sich in etwas rein.“
„Und was soll ich Ihrer Meinung jetzt machen?“
„Was bitte wollen Sie denn hier?“
„Sie haben Depressionen oder sowas. Holen Sie sich Tabletten und gut.“
Wollt ihr mir sagen, dass all die Plackerei, die euch zu Ärzten formt, wirklich dafür da ist, dass das aus euch wird?
Wenn ein Patient mit unzähligen diffusen Beschwerden vor euch sitzt, die ihn stark belasten, und ihr sagt: „Kümmern Sie sich lieber um Ihre Kinder“, dann ist das keine Medizin.
Wenn ihr sagt: „Gehen Sie mal arbeiten, anstatt ständig beim Arzt zu hängen“, dann ist das keine Diagnose.
Wenn ihr sagt: „Sie haben Stress“, nachdem ihr kaum zugehört habt, dann ist das keine Abklärung.
Das ist Abwertung.
Ist euch denn nicht klar:
Der Patient kommt niemals auf Augenhöhe zu euch.
Er kommt, weil er etwas braucht.
Eine Einschätzung. Eine Überweisung.
Eine Dokumentation. Eine Untersuchung.
Eine Krankschreibung. Eine Erklärung.
Manchmal auch einfach nur jemanden, der zuhört.
Ihr habt in diesem Moment Macht.
Macht, die ihr euch hart erarbeitet habt – keine Frage. Doch ihr habt irgendwann einmal geschworen, diese Macht zum Wohle eurer Patienten einzusetzen.
Und nein, damit meine ich nicht, dass ihr alles tun müsst, was Patienten wollen.
Natürlich nicht.
Ihr müsst nicht jede gewünschte Untersuchung veranlassen oder jeden Medikamentenwunsch grundlos abnicken.
Ihr müsst nicht einmal alles wissen – denn das geht auch gar nicht.
Doch eines verlange ich: Respekt.
Zum Beispiel so:
„Ich sehe und merke, dass Sie Angst haben.“
(Ob es für euch Sinn ergibt oder nicht.)
„Ich kenne mich mit diesem Krankheitsbild nicht aus.“
(Das ist kein Zeichen von Inkompetenz, im Gegenteil.)
„Ich erkläre Ihnen meine Einschätzung.“
(Das erspart viele Fragezeichen und Verunsicherung.)
„Wir sortieren jetzt den nächsten Schritt.“
(Das gibt Sicherheit und signalisiert Teamarbeit.)
Das wäre euer Job.
Nicht diese billigen Seitenhiebe, die aus einem Arzttermin plötzlich ein Tribunal machen.
Denn genau das passiert:
Der Patient hat ausgerechnet dort, wo er sich Hilfe erhofft, plötzlich das Gefühl, sein Leben verteidigen zu müssen. Seine Mutterschaft. Seine Arbeit. Seine Psyche. Seine Glaubwürdigkeit. Seine Berechtigung, überhaupt da zu sein.
Nur: Viele können sich in diesem Moment nicht verteidigen.
Weil sie krank sind.
Weil sie erschöpft sind.
Weil sie sich schämen.
Wenn Menschen dann ins Stocken geraten, weinen, sich überschlagen, zu viel erklären oder plötzlich ganz still werden, ist das nicht der Beweis, dass sie zum Psychiater gehören.
Es ist eine Stressreaktion, die selbst ihr zeigen würdet, wenn euer Körper versucht, durch eine Situation zu kommen, in der er sich ausgeliefert fühlt.
Und ja, ich weiß: Das Gesundheitssystem ist kaputt. Die Termine sind zu eng. Die Bürokratie ist irre und ihr seid überlastet. Manche Patienten sind zudem anstrengend und anmaßend und man weiß einfach nicht, was man mit denen anfangen soll.
Aber wisst ihr was?
Genau deshalb ist Professionalität so wichtig.
Professionalität zeigt sich nicht daran, wie ihr mit einfachen, dankbaren, eindeutigen Patienten umgeht.
Sie zeigt sich daran, wie ihr mit Menschen umgeht, die euch nerven oder nicht ins Schema passen. Die gibt es nun mal. Und doch sind es Menschen, denen Hilfe zusteht.
Seid ihr also nur fachlich ausgebildet oder habt ihr verstanden, was euer Beruf bedeutet?
Ihr seid nicht Richter über den Wert eines Menschen.
Ihr seid nicht dafür da, Patienten zu erziehen.
Ihr seid nicht dafür da, aus einer Laune heraus zu entscheiden, wer Würde verdient.
Der Mensch vor euch muss nicht erst beweisen, dass er angenehm genug, fleißig genug, stabil genug, dankbar genug oder krank genug ist.
Er ist Patient.
Das reicht!
Also wählt eure Worte mit Bedacht, liebe Ärzte, denn sie haben Gewicht. Sie fallen in dem Moment, in dem ein Mensch entscheidet, ob er sich noch einmal Hilfe sucht. Oder nie wieder. Oft fallen sie in dem Moment, in dem ein Mensch aufhört, an sich selbst zu glauben. Sie können tiefe Wunden hinterlassen. Wunden, vor denen gute Medizin eigentlich schützen sollte.
Mit hoffnungsvollen Grüßen,
Christin
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