Bei CCI sprechen wir viel über Stabilität von Bändern, Muskeln und Strukturen. Doch ein entscheidender Faktor wird häufig übersehen: Koregulation – also wie Nervensysteme sich gegenseitig beeinflussen.


Wie reguliert ist das Nervensystem?

Der Körper stabilisiert sich nicht nur mechanisch. Er stabilisiert sich auch neurologisch.

Ein Nervensystem, das sich sicher fühlt, kann fein regulieren. Es kann Muskeln präzise ansteuern, Bewegungen koordinieren und kleine strukturelle Besonderheiten oft erstaunlich gut ausgleichen. Viele Menschen haben asymmetrische Strukturen, lockere Bänder oder kleinere Fehlstellungen – und merken davon ihr ganzes Leben kaum etwas.

Ein Nervensystem im Alarmmodus funktioniert dagegen ganz anders.

Dann geht es nicht mehr um Feinarbeit, sondern erstmal ums Überleben. Rund um die Uhr laufen Schutzprogramme, wie körperliche Anspannung und grobkörniges Sichern, um Stabilität vor allem mit der Brechstange zu erzeugen (Hodges & Tucker, 2011).
Und genau deshalb ist bei CCI nicht nur die Struktur entscheidend, sondern auch die Frage:

Wie reguliert ist das Nervensystem?

Und damit sind wir bei einem Punkt, den viele unterschätzen:

Regulation passiert selten allein

Menschen sind soziale Wesen. Das bedeutet nicht nur, dass wir Beziehungen brauchen, um uns wohlzufühlen. Es bedeutet auch, dass wir unsere Wirklichkeit immer in Bezug auf andere Menschen konstruieren. Andere sind für uns sozusagen Referenzpunkte (Coan et al., 2006): für Sicherheit, Bedeutung, Einordnung und Orientierung. An ihnen lesen wir ab, ob eine Situation harmlos oder bedrohlich ist, ob wir uns öffnen können oder besser vorsichtig bleiben sollten. Deshalb scannt unser Nervensystem ständig, meist völlig unbewusst:

  • Sind die Menschen um mich herum ruhig oder angespannt?
  • Strahlen sie Wärme, Klarheit und Zuversicht aus?
  • Oder wirken sie selbst gestresst, unberechenbar oder überfordert?

Diese Einschätzungen passieren in Sekundenbruchteilen, aber sie haben Folgen. Denn sie beeinflussen, ob unser Nervensystem eher in Richtung Sicherheit, Öffnung und Regulation schaltet oder ob es angespannt bleibt und weiter auf Schutz eingestellt ist.

Genau das ist Koregulation (Butler & Randall, 2013): Wir regulieren uns nicht nur in uns selbst, sondern fortlaufend auch über andere Menschen. Über ihren Blick, ihre Stimme, ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Berührung, ihre Verlässlichkeit, ihre ganze Art, da zu sein. Unser Nervensystem reagiert dabei viel weniger auf schöne Worte als auf das, was ein anderer Mensch ausstrahlt.

Wie sieht es in anderen aus? Wirken sie entspannt oder verunsichert? (Bild: wirbelwirrwarr)

Deshalb gibt es Menschen, bei denen wir beinahe sofort ruhiger werden. Der Atem wird freier, der Körper weicher, der innere Alarm leiser. Wir fühlen uns sicherer, mehr gehalten, mehr bei uns selbst. Und dann gibt es Begegnungen, in denen sich innerlich alles zusammenzieht, obwohl man objektiv vielleicht gar nicht sofort benennen könnte, warum. Der Körper spürt oft sehr viel früher als der Verstand, ob wir etwas tun, das uns gut tut.

Warum das gerade bei CCI so wichtig ist

Wenn jemand über lange Zeit mit Symptomen lebt (Schmerzen, Instabilität, Schwindel, Erschöpfung, Reizüberflutung, Herzrasen, Benommenheit), dann ist das Nervensystem oft ohnehin schon stark gefordert. Es versucht ununterbrochen zu kompensieren, zu stabilisieren, zu schützen.

In so einem Zustand macht das Umfeld einen riesigen Unterschied. Es kann Regulation unterstützen oder erschweren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass andere Menschen „schuld“ an unseren Symptomen sind – so simpel ist es dann auch nicht. Aber es bedeutet sehr wohl, dass Beziehungen einen echten Einfluss darauf haben können, wie gut der Körper seine eigenen Regulationsmechanismen nutzen kann.

Koregulation funktioniert auch über Distanz

Besonders spannend ist, dass diese Prozesse nicht nur im direkten Kontakt stattfinden. Menschen, die uns wichtig sind, beeinflussen unser Nervensystem oft auch dann, wenn sie gar nicht im selben Raum sind (Seltzer et al., 2010).

  • Ein Anruf kann beruhigen.
  • Eine Nachricht kann einem den Brustkorb zuschnüren.
  • Eine Sprachnachricht kann Sicherheit vermitteln.
  • Ein Chat kann Stress auslösen.
  • Ein Gespräch kann Symptome lindern, oder sie hochjagen.

Verbindung hält sich nicht besonders an räumliche Grenzen. Unser Nervensystem reagiert nicht nur auf physische Nähe, sondern auf Beziehung. Auch der virtuelle Raum ist also nicht neutral. Er kann regulierend wirken. Oder eben das Gegenteil.

Was das für Beziehungen bedeutet

Gerade bei chronischer Krankheit geraten Beziehungen oft unter Druck. Das ist nicht ungewöhnlich. Schmerzen, Unsicherheit, Erschöpfung, Rückzug, Überforderung, Missverständnisse. All das kann Partnerschaften, Freundschaften und Familienbeziehungen belasten.

Aber genau hier liegt auch eine große Chance.

Wenn Menschen lernen, bewusster miteinander umzugehen, kann Beziehung zu einer echten Ressource werden.

Was dabei helfen kann?

  • Ein ruhiger Umgang mit Symptomen.
  • Geduld.
  • Ehrliche Kommunikation.
  • Verlässlichkeit.
  • Und manchmal auch professionelle Unterstützung.

Denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man einer Krankheit alleine gegenübersteht oder gemeinsam. Ob da jemand ist, der Öl ins Feuer gießt. Oder jemand, bei dem das Nervensystem sich so richtig geborgen fühlen darf.


Butler, E. A., & Randall, A. K. (2013). Emotional coregulation in close relationships. Emotion Review, 5(2), 202–210. https://doi.org/10.1177/1754073912451630

Coan, J. A., Schaefer, H. S., & Davidson, R. J. (2006). Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science, 17(12), 1032–1039. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01832.x

Hodges, P. W., & Tucker, K. (2011). Moving differently in pain: A new theory to explain the adaptation to pain. Pain, 152(3 Suppl), S90–S98. https://doi.org/10.1016/j.pain.2010.10.020

Seltzer, L. J., Ziegler, T. E., & Pollak, S. D. (2010). Social vocalizations can release oxytocin in humans. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 277(1694), 2661–2666. https://doi.org/10.1098/rspb.2010.0567