„Trainieren Sie Ihre Nackenmuskeln“ ist bei CCI ein eher schlechter Ratschlag, wie wir gesehen haben. Es braucht nicht mehr Kraft, sondern Fingerspitzengefühl, um den Körper aus der Angststarre zurück in eine zuverlässige Zusammenarbeit von Muskulatur, Sinnesorganen und Gehirn zu bewegen. In diesem Beitrag findet ihr genau das: Fingerspitzengefühl-Übungen aka CCI-Übungen.


Dein Weg zurück: Die Rettungskette der Reintegration

Bis hierhin war die schlechte Nachricht klar: Eine instabile Halswirbelsäule wird nicht dadurch stabil, dass man einfach „mehr trainiert“. Denn solange die tiefen Nackenmuskeln unter anderem aus Schutzgründen nur eingeschränkt funktionieren, greift klassisches Krafttraining oft ins Leere. Oder schlimmer: Es verstärkt den äußeren Muskelpanzer, während die Instabilität im Inneren weiter wächst.

Die gute Nachricht ist: Es gibt einen Ausweg, denn neuromuskuläre Funktionen sind veränderbar (Dirito et al., 2024). Da wir bei CCI in vielen Bereichen jedoch noch immer im Dunkeln tappen, müssen wir alles Wissen, was wir darüber haben, zusammenkratzen und möglichst gute Ableitungen daraus bilden. Jedenfalls habe ich es so gemacht und bin zu folgenden Etappen gelangt, die beim liebevollen Angriff auf CCI berücksichtigt werden sollten:

  • Sicherheit
  • Wachkitzeln
  • Rekalibrierung
  • Bremsen

Multimodal, wie es sich eben gehört (Blanpied et al., 2017). Mit Koordinations-, sensorimotorischen und vestibulären Elementen und Exzentrik. Und ein bisschen mehr als das.

ABER: Bei starker Schwindelprovokation, Drop-Attacks, akuten neurologischen Ausfällen, neuen Sehstörungen, massiver Symptomeskalation usw. hört der Spaß auf! Denn selbst gute Übungen können in manchen Fällen gewaltig nach hinten losgehen. Hört auf euer Körpergefühl und konsultiert zu eurer Sicherheit einen Arzt.

Werkzeuge, die uns helfen

Kleine Tools und Werkzeuge (manche sind sogar schon in oder an uns eingebaut) können den positiven Effekt eines HWS-Übungsprogramms deutlich steigern. Zu den Hilfsmitteln, die sich in der Neurorehabilitation bereits etabliert haben, zählen zum Beispiel:

  • Spiegel (und: Markierungen oder Zielpunkte am Spiegel bzw. an der Wand)
  • Smartphone-Kamera oder Tablet zur Live-Rückmeldung (als Spiegelalternative)
  • Laserpointer
  • Druck-Biofeedback-Kissen / Pressure Biofeedback Unit
  • Metronom
  • sanfter Handwiderstand für kontrollierte Bremsarbeit
  • Augen

Der Spiegel: das unterschätzte Therapieinstrument

HWS-Training, das die Propriozeption verbessern soll, um alles andere zu verbessern, braucht Feedback. Und eines der wertvollsten Feedback-Tools hat fast jeder zu Hause: den Spiegel. Er kann zu einer Art externem Orientierungssystem werden, wenn die innere Rückmeldung aus dem Nacken ungenau ist. Das Gehirn muss dann nicht ausschließlich auf die unzuverlässigen Signale aus dem Nacken vertrauen, sondern bekommt zusätzlich eine klare visuelle Rückmeldung: Bin ich noch in der Mitte? Wandert der Kopf? Ziehen die Schultern hoch? Verdreht sich der Rumpf mit? Wird die Bewegung größer, schneller oder hektischer als gedacht?

Die Frisur sitzt und die Haltung ebenfalls. (Bild: Wirbelwirrwarr)

Und der Spiegel ist tatsächlich sehr beliebt: Treleaven (2008) beschreibt bei Nackenstörungen die enge Verknüpfung von zervikaler Propriozeption, Augensteuerung und Haltungskontrolle.
In neueren Arbeiten zeigte sich außerdem, dass visuelles Feedback die Wirkung zervikaler Stabilisationsübungen auf Kopfhaltung und propriozeptive Genauigkeit verbessern kann (Goo et al., 2024). Das ist nicht direkt CCI-Forschung (wir wissen, die hinkt hinterher), stützt aber die Grundidee, dass ein klarer visueller Referenzkanal die Bewegungsorganisation verbessern kann.

Also: Schnappt euch einen Spiegel. Tipp: Nutzt Markierungen (zum Beispiel eine vertikale Linie in der Mitte des Spiegels, um zusätzliche Orientierung zu schaffen.)

Augen

Viele Übungen starten anfangs mit offenen Augen. Das ist keine Vereinfachung aus Bequemlichkeit, sondern Notwendigkeit: Der visuelle Kanal dient zuerst als äußere Referenz. Geschlossene Augen sind meist eine spätere Steigerung, wenn die Bewegung mit offenen Augen ruhig, klein und ohne Schutzsprung gelingt.

Laserpointer

Mit Hilfe eines Laserpointers an der Stirn lässt sich der Joint Position Error Test durchführen. Dieser Test prüft, wie genau der Kopf nach einer Bewegung wieder in eine zuvor definierte Ausgangsposition zurückfindet. Die Abweichung dieses Rückkehrpunkts gilt als Maß für die Genauigkeit der Tiefenwahrnehmung. Bei Nackenpatienten und insbesondere nach Schleudertrauma wurden hier wiederholt Defizite beschrieben (Revel et al., 1991; Treleaven et al., 2003; Treleaven, 2008). Therapeutisch ist der Test doppelt interessant:

1.) Er ist ein Therapiewerkzeug

Der Laserpointer gibt sofort Rückmeldung, ob die Rückkehr zur Mitte ruhig, präzise und reproduzierbar war.

2.) Er ist ein tolles Verlaufsinstrument (finden auch AlDahas et al., 2024).

Wenn der Repositionsfehler über Wochen kleiner wird, spricht das dafür, dass sich die sensorimotorische Kontrolle verbessert. Gerade das ist spannend, weil man damit Therapiefortschritt nicht nur an den Symptomen festmacht, sondern auch an der Qualität der Kopfsteuerung.

Wie kann man den Laserpointer zur Kontrolle des Therapieerfolgs nutzen?

Damit der Test im Verlauf sinnvoll ist, muss er immer gleich durchgeführt werden. Sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen.

Wichtig sind:

  • immer derselbe Abstand zur Wand
  • dieselbe Ausgangsposition
  • dieselbe Körperhaltung
    am besten entweder immer Sitzen oder immer Stehen
  • dieselben Bewegungsrichtungen
  • dieselbe Anzahl an Wiederholungen
  • möglichst dieselbe Tagesform und Reizlage

Woran erkennt man Fortschritt?

Nicht nur daran, dass der Punkt näher an der Mitte landet. Sondern auch daran, dass:

  • die Rückkehr ruhiger wirkt
  • weniger Nachkorrigieren nötig ist
  • weniger Überschießen auftritt
  • die Wiederholungen ähnlicher werden
  • weniger Schwindel, Anspannung oder Schutzsprung dabei auftreten

Umsetzung zu Hause

Zum Beispiel so:

  • Punkt oder Kreuz auf die Wand
  • 90 cm Abstand
  • Stirn-Laser aufsetzen
  • Ausgangsposition markieren
  • Kopf sanft nach rechts drehen
  • mit geschlossenen Augen wieder zurück (Achtung! Wird diese Übung als reine Übung durchgeführt, nicht zur Kontrolle, bleiben die Augen anfangs offen!)
  • Augen öffnen und prüfen
  • 6 Wiederholungen
  • Ergebnis notieren

Feedback-Kissen

Blutdruckmanchetten kennt ihr, oder? Sowas ähnliches gibt es als Feedback-Tool und heißt Bio-Feedback-Kissen: Guckst du hier.*
Ihr seht: Es sieht meist aus wie ein flaches, aufblasbares Luftkissen, das über einen Schlauch mit einem kleinen analogen Druckmesser verbunden ist. Zweck des Ganzen: Gerade bei Mikroübungen im Nacken denkt man oft „Da passiert ja gar nichts!“ Das Kissen kann die unsichtbare Muskelarbeit sichtbar machen, und auch indirekt ein bisschen anzeigen, ob gerade die oberflächlichen Muskeln einspringen (was wir nicht wollen) oder die tiefen Muskeln arbeiten. So etwa:

  • gut: kleine, ruhige, gleichmäßige Druckveränderung
  • eher Panzer: zu viel, zu schnell, ruckartig, pressend, schwer dosierbar

Das Druckkissen ist also weniger ein Muskel-Detektor als ein Qualitätsmesser für die Bewegung (also das, was wir brauchen). Du siehst damit, ob du subtil und reproduzierbar arbeitest.

Metronom

Mit Metronom* lässt sich besser dosieren:

  • wann die Bewegung beginnt,
  • wie langsam sie läuft,
  • wie lange gebremst wird,
  • und wie gleichmäßig Hin- und Rückweg sind.

Ein Rhythmus- und Beruhigungs-Tool, das gerade am Anfang nochmal viel Sicherheit und Orientierung bieten kann – als auditive Referenz. Wir müssen schließlich nehmen, was wir kriegen können, wenn das Nervensystem durcheinander ist. Es muss dann nämlich weniger improvisieren und kann sich eher auf Präzision statt Alarm einstellen.

Für Mikrobewegungen oder Exzentrik heißt das praktisch: nicht „irgendwie langsam“ bewegen, sondern zum Beispiel 4 Takte hin – 4 Takte halten – 4 Takte zurück. Probiert es einfach aus.

Unsere Hände

Die Hände können bei den Übungen zwei ganz verschiedene Rollen übernehmen. Sie können als Teil eines Übungselements dem System eine klare äußere Orientierung bieten. Zum Beispiel so:

  • Finger leicht ans Kinn
  • Hand sanft an die Schläfe
  • Hand an den Hinterkopf

Wozu das gut ist:

  • Das Gehirn bekommt einen zusätzlichen taktilen Hinweis, wo der Kopf gerade ist.
  • Kleine Bewegungen werden spürbarer.
  • Die Mitte lässt sich leichter wiederfinden.
  • Viele Menschen bewegen dadurch ruhiger und präziser.

Hände können aber auch Widerstand geben.

Wozu das gut ist (siehe letzter Beitrag zum Thema Exzentrik):

  • Der Kopf muss nicht einfach halten, sondern geführt nachgeben oder sanft gegensteuern.
  • So kann man Bremsarbeit trainieren.
  • Die Bewegung bleibt klein und kontrollierbar.
  • Die Last ist sofort dosierbar, weil die Hand jederzeit weniger Druck geben kann.

Hier ist wichtig: Nicht rohe Kraft gegen rohe Kraft, sondern millimeterweise Führung.

Die Wirbelwirrwarr-Übungssäulen

Ohne Theorie geht es nicht. Ihr müsst wissen, woher das folgende Übungskonzept kommt, zumal es Angriffsflächen beinhaltet. Viele. Das ist ganz normal, denn der menschliche Körper ist komplex. Was dem einen hilft, schadet dem anderen – doch zugegeben: meine Vorschläge sollen bestenfalls nur Positives bewirken. Dazu gehört aber eben auch, dass ihr die Chance bekommt, den Weg dorthin nachzuvollziehen und Kritik zu äußern. Nur so gehts vorwärts.

Wichtigste Regel für alle Übungen: Weniger ist mehr. Sämtliche Bewegungen erfolgen in winzigkleinem Ausmaß, langsam und präzise.

Schritt 1: Sicherheit

Wenn man wie ich CCI als Attraktor denkt und versteht (hier der passende Beitrag), wird die Frage „Welche Übungen stärken den Nacken?“ sofort unbedeutend. Die wichtigere Frage lautet dann nämlich: „Befindet sich das System überhaupt in einem Zustand, der erlaubt, dass Übungen – zunächst egal, welcher Art – verarbeitet werden können?“

Denn ein Nervensystem, das dauerhaft mit widersprüchlichen, schlecht integrierbaren Signalen konfrontiert ist, lernt nicht durch mehr Input. Es lernt zunächst gar nicht, weil es viel zu sehr mit Scannen, Bewerten, Kontrollieren, Neuberechnen und Schützen beschäftigt ist. Dazu passt, dass schon die Erwartung von Schmerz die motorische Erregbarkeit beeinflussen und hemmen kann (Betti et al., 2024). Das Problem sitzt also nicht nur im Muskel, sondern auch in zentralen Schutzmechanismen. Und diese Schutzmechanismen wehren alles ab, auch gute gemeinte Angebote.

Darum muss Sicherheit vor Funktion kommen. Aber nicht im weichgespülten Sinne von „Entspann dich halt mal“. Sondern im harten neurophysiologischen Sinne: Das System braucht Bedingungen, unter denen es aufhören kann, alles wie eine Gefahr zu behandeln.
Bei dieser Ausgangslage kann es sinnvoll sein, zunächst über Schleichwege Einfluss auf die Sperrzone Nacken zu nehmen. Und zwar aus zwei Gründen:

1.) Von hinten durch die Brust ins Auge: Die Intervention kommt der Sperrzone nicht so nahe, dass das Alarmsystem sofort losspringt. Über Kiefer, Mundraum, Atmung oder Blick lässt sich der Nacken indirekt mitansprechen, ohne ihn gleich mechanisch zu provozieren. Genau das kann am Anfang Gold wert sein.
Denn hier geht es noch nicht um Training, sondern erst einmal um ein stilles Umlernen: Das Gehirn soll merken, dass sich im System rund um den Nacken etwas tut, ohne dass gleich etwas Schlimmes passiert. Nicht mit der Brechstange, sondern hintenrum.

2.) Entspannung: Sicherheit bedeutet nicht nur, einen Bogen um den Nacken zu machen, sondern dass das System tatsächlich insgesamt etwas herunterfährt. Also weniger Alarm, weniger Abwehr, weniger Dauer-Scannen. Das entspricht schon eher dem, was wir unter Entspannungsübungen verstehen.

Atemübungen dürfen zur Gewohnheit werden. (Bild: Wirbelwirrwarr)

Sicherheitssäulen

1.) Widersprüche reduzieren

Der sogenannte Trigeminus-Bypass — meine Wortkreation — passt genau in diese Logik: Trigeminale und obere zervikale Afferenzen sind im Hirnstamm eng miteinander verschaltet. Das heißt: Über Kiefer, Gesicht und Mundraum lässt sich unter Umständen auf ein System einwirken, das den Nacken selbst gerade noch nicht gut toleriert (Bartsch & Goadsby, 2003; Šedý et al., 2022).

  • Zungenanker (Sherwin et al., 2024)
    Zungenspitze sanft an den harten Gaumen direkt hinter die oberen Schneidezähne legen. Kein Drücken. Einfach nur Kontakt halten.
    Weil: Die Zunge am Gaumen liefert einen kleinen, klaren Reiz aus Mund- und Gesichtsraum. Das kann dem System helfen, Kopf- und Halsbereich besser einzuordnen, ohne den Nacken direkt zu provozieren.
  • Kiefer entladen
    Lippen locker geschlossen, Zähne bewusst getrennt. Kein Pressen.
    Weil: Wenn die Zähne nicht aufeinanderpressen, sinkt oft unnötige Spannung im Kiefer-Nacken-System. Das reduziert Störsignale aus einem Bereich, der eng mit dem oberen Hals verbunden ist.
  • Blickanker
    Einen ruhigen Punkt an der Wand fixieren. Nichts „halten“, nur schauen und den Blick ruhig lassen.
    Weil: Ein fester Punkt gibt dem Gehirn eine stabile visuelle Referenz. Dadurch muss das System weniger gleichzeitig nachregeln, weil zumindest die Orientierung im Raum klarer bleibt.
  • Kombination
    Blickanker + Zungenanker + entlasteter Kiefer für 1–2 Minuten gleichzeitig.
    Weil: Mehrere kleine, ruhige Signale gleichzeitig können dem System helfen, Kopf- und Halsbereich als berechenbarer zu erleben. Genau darum geht es: weniger Widerspruch, weniger Nachrechnen, weniger Alarm.

2.) Energieverbrauch senken

Ein erschöpftes System rechnet schlechter und konzentriert sich vor allem auf Schutz.
Deshalb sind Übungen am Anfang oft dann gut, wenn sie fast unspektakulär wirken: wenig Kraft, wenig Haltearbeit, wenig vegetative Aufregung.
Auch Atmung, vagale Regulation und alles andere, was dem System hilft, aus der Dauerabwehr herauszukommen, darf hier mitgedacht werden. (Hier ein passender Beitrag.)

  • Lippenbremse
    Ruhig einatmen, dann länger gegen leicht gebremste Lippen ausatmen. 4–6-Atmung (siehe nächster Punkt)
    Etwa 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus. Ohne Perfektionismus.
    >> Die verlängerte Ausatmung hilft vielen Systemen, etwas aus der inneren Alarmbereitschaft herauszukommen. Sie kostet wenig Kraft und verlangt dem Nacken selbst fast nichts ab.
  • 4-6-Atmung
    4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen.
    >> Ein ruhiger Atemrhythmus macht den Ablauf vorhersagbar und senkt oft die vegetative Unruhe. Weniger innere Hektik heißt meist auch weniger Schutzspannung.
    Achtung: Atmung entspannt vor allem dann, wenn sie ruhig und langsam ist, die Tiefe ist nicht so sehr entscheidend. Aber oberste Regel: Es muss sich gut anfühlen!
  • Bauchkontakt
    Eine Hand auf den unteren Brustkorb oder Bauch legen und nur spüren, dass die Ausatmung länger und ruhiger wird.
    >> Die Hand auf Bauch oder unteren Brustkorb lenkt Aufmerksamkeit auf etwas Ruhiges und Eindeutiges. Das hilft, die Atmung weniger hektisch und weniger kraftvoll werden zu lassen.
  • Abgestützte Ausgangsposition
    Rücken angelehnt, Unterarme aufgelegt, Füße sicher am Boden. Nicht als „Übung“, sondern als energiesparende Ausgangslage für alles Weitere.
    >> Wenn Rücken, Arme und Füße gut abgestützt sind, muss der Körper insgesamt weniger Haltearbeit leisten. Dadurch bleibt mehr Kapazität für Verarbeitung statt für Gegenhalten.

3.) Rhythmus und Disziplin

Genau hier können wir die 13-Minuten-Regel gut ins Spiel bringen (die eigentlich keine Regel ist, sondern eher eine Merkhilfe). Denn Sicherheit reicht nicht als kurze Erfahrung. Sie muss eine gewisse Zeit lang bestehen bleiben, damit das Nervensystem sie nicht nur registriert, sondern überhaupt ernst nimmt. Woher diese Regel kommt? Takano et al. (2022) zeigen, dass Veränderungen cerebellärer Hemmung nicht in Sekunden geschehen, sondern eine zusammenhängende Dauer kontinuierlicher Modulation brauchen. Im Attraktoren-Modell ist das logisch: Ein festgefahrenes System verlässt seinen Zustand nicht wegen eines einzelnen guten Moments, sondern erst dann, wenn es lang genug erlebt, dass die alte Bedrohungsregel nicht mehr notwendig ist.

Also: An diesen 13 Minuten müssen wir uns zwar nicht festbeißen, können sie aber für die folgenden Impulse als grobe Handlungsvorlage einfach mal im Hinterhirn behalten. Kann ja nicht schaden.

Auch hier wieder: Denkt innerhalb dieser 13 Minuten an die Möglichkeit, als Hilfe ein Metronom zu benutzen.

Schritt 2: Wachkitzeln

Sobald der Alarm etwas sinkt, geht es noch immer nicht um Kraft. Es geht darum, dem Gehirn zu zeigen: die tiefen Nackenmuskeln sind noch da und können dir zeigen, wo der Kopf im Raum steht, wie viel Bewegung gerade stattfindet und welche Muskeln du wie koordinieren musst, damit nichts kaputtgeht. Die tiefen Nackenmuskeln müssen also auffindbar gemacht werden. Genau hier sind winzige, langsame, fast unspektakuläre Reize sehr wertvoll.

Tipp: Nutze einen Spiegel.

1) 1-mm-Nicken
Blick geradeaus oder in Rückenlage. Mach eine so kleine Nickbewegung, dass eher die Nasenspitze einen Hauch nach unten gleitet. Nicht drücken, nicht „Doppelkinn“ erzwingen.
>> Während du Mini-Nicken oder kleine Repositionsaufgaben machst, bleiben die Schultern bewusst weich und schwer. So wird verhindert, dass Trapezius, Schulterheber und andere grobe Schutzmuster sofort die Führung übernehmen.

2) Kraniozervikale Flexion in Rückenlage
In Rückenlage machst du ein minimales Nicken, eher so, als würdest du den Hinterkopf sanft in die Länge schieben. Der Hals soll dabei nicht hart werden.

3) Mini-Rotation in Rückenlage
Drehe den Kopf nur wenige Grad nach links und rechts, langsam und gleichmäßig.

4) Mini-Seitneigung light
Neige den Kopf nur minimal zur Seite, am besten vor einem Spiegel. Keine Endstellung, kein Zuggefühl.

5) Mikroextension light
Nur wenn gut verträglich: den Blick minimal anheben oder den Scheitel einen Hauch „nach oben-vorn“ denken. Nicht in die Streckung hineingehen.
>> Manche Richtungen gehen dem Gehirn regelrecht verloren oder sind stärker als alltäglichere Bewegungen mit Alarm verknüpft. Wenn Extension toleriert wird, darf auch sie wieder ganz vorsichtig auftauchen.

6) Laser-/Fingerpunkt-Reposition
Du bewegst den Kopf nur wenige Grad und versuchst dann, möglichst genau zur Ausgangsposition zurückzufinden. Das geht mit Laser, Spiegelpunkt oder auch mit einem einfachen Zielpunkt an der Wand.
>> Diese Übung trainiert den Gelenkpositionssinn. Das Gehirn bekommt wieder sauberere Information darüber, wo „Mitte“ ist.

7) Spiegel-Mitte
Setz dich vor einen Spiegel und markiere dir eine Mittellinie oder einen kleinen Zielpunkt. Dann führe Mini-Bewegungen aus und beobachte, ob Kopf, Schultern oder Rumpf unbemerkt ausweichen.

8) Kontakt
Lege zwei Finger leicht ans Kinn, an die Schläfe oder an den Hinterkopf. Kein Druck, nur Kontakt. Dann kleine Bewegungen ausführen.
>> Die Hand liefert einen zusätzlichen taktilen Hinweis: Wo bin ich gerade? Wie klein ist die Bewegung? Das macht feine Bewegungen oft ruhiger und präziser und deckt auch den Sicherheitsaspekt ab.

9) Druck-Biofeedback-Kissen bei Mini-Nods
Wenn vorhanden, kann ein Druckkissen unter Hinterkopf/Nacken bei kleinen Nickbewegungen genutzt werden. Ziel sind kleine, ruhige, gleichmäßige Veränderungen.

10) Begleitendes Summen („Mmm“)
Beim Ausatmen leise und locker summen, ohne Druck. Das kann man auch mit einer Mini-Bewegung kombinieren.
>> Summen liefert einen sanften Vibrationsreiz und wirkt beruhigend.

11) Zungenanker + Mini-Bewegung
Zungenspitze locker an den harten Gaumen hinter die oberen Schneidezähne legen, dazu ein sehr kleines Nicken oder eine Mini-Rotation.
>> Der Mundraum liefert zusätzliche Orientierung. Das kann helfen, Kopf und Hals ruhiger zu organisieren, ohne den Nacken direkt zu provozieren.

12) Metronom-Mikrobewegung
Führe eine Mini-Bewegung in einem ruhigen Takt aus, zum Beispiel 4 Takte hin, 4 halten, 4 zurück.
>> Der Takt macht die Bewegung berechenbarer. Das Nervensystem muss weniger improvisieren und kann sich eher auf Präzision als auf Alarm einstellen.

Schritt 3: Rekalibrierung

Wenn die Landkarte allmählich wieder sichtbar wird, reicht das aber noch nicht. Denn Stabilität entsteht nicht in einem einzelnen Muskel. Stabilität entsteht im Zusammenspiel.

Nacken, Augen, Gleichgewicht, Atmung, Orientierung im Raum, Schultergürtel, Rumpf: All diese Systeme müssen wieder lernen, miteinander zu arbeiten, statt sich gegenseitig zu verwirren. Genau deshalb ist Rekalibrierung der nächste Schritt: Das Orchester muss nicht nur aufwachen, es muss auch wieder zusammenspielen.

Grundregel

Nicht alles auf einmal. Sucht euch lieber 3–5 Übungen, die gut toleriert werden, und macht diese sauber, statt zehn Dinge halb.

1.) Blickziel-Stabilität

Fixiere einen ruhigen Punkt vor dir. Dann machst du Mini-Nicken oder Mini-Rotationen, während der Blick möglichst stabil auf dem Ziel bleibt.
>> Das koppelt Kopfbewegung und visuelle Orientierung wieder zusammen. Das Gehirn lernt: Bewegung darf stattfinden, ohne dass das Bild sofort wegschwimmt oder alles innerlich „hinterherrechnen“ muss.

2.) Auge-Kopf-Koordination

Schau zuerst mit den Augen zu einem kleinen Ziel. Der Kopf folgt dann minimal verzögert und nur ein kleines Stück. Danach gemeinsam zurück zur Mitte. (Geht auch im Liegen.)
>> Diese Übung ordnet die Aufnahme und Reaktion auf Sinneseindrücke. Nicht hektisch alles gleichzeitig, sondern aufeinander abgestimmt. Das ist besonders hilfreich, wenn Bewegungen bisher schwindelanfällig geworden sind.
Steigerung für später:
Treleaven (2008) beschreibt die Progression: zuerst Augen und Kopf in dieselbe Richtung, dann Augen zuerst, Kopf folgt, später sogar Augen und Kopf in entgegengesetzte Richtungen.

3.) Umgekehrte Auge-Kopf-Koordination

Diesmal startet der Kopf ganz klein, die Augen stabilisieren nach.
>> So lernt das System die Zusammenarbeit auch in der anderen Richtung.

4.) Blickstabilisation light

Ein Ziel bleibt fest vor dir. Du bewegst den Kopf minimal nach links und rechts, während das Ziel scharf bleiben soll. Nur wenige Sekunden, sehr klein, sehr ruhig.
>> Das trainiert Blickstabilität unter Bewegung.

5.) Kopf-Repositions-Genauigkeit

Wie beim Laser- oder Spiegeltraining: kleine Bewegung weg von der Mitte, dann aber möglichst präzise zurück. Diesmal liegt das Augenmerk besonders auf Sauberkeit, Wiederholbarkeit und ruhige Rückkehr, nicht nur darauf, überhaupt zur Mitte zurückzufinden.
Steigerung für später: Zielhintergrund schwieriger machen
Treleaven (2008) beschreibt, dass man oculomotorische Übungen nicht nur über Geschwindigkeit und Haltung, sondern auch über den visuellen Hintergrund steigern kann: von einfacher Punkt vor leerer Wand zu Streifen, Schachbrett/Checkerboard, später eventuell reduzierter peripherer Sicht.
Und viel später: Augen schließen, den Kopf drehen und versuchen, zur Mitte zurückzufinden.

6.) Spiegel-Mitte-Bewegung

Vor dem Spiegel kleine Bewegungen ausführen und dabei beobachten: Bleibt der Kopf wirklich in seiner Spur? Ziehen die Schultern hoch? Dreht der Rumpf heimlich mit? Wandert der Kiefer mit?
>> Verbessert Bewegungskontrolle.

7.) Laser-Muster light

Mit dem Laser kleine Linien, Kreise, Pfeile oder Z-Muster an der Wand nachfahren. Langsam. Präzise.
>> Das ist eine gute Brücke zwischen „Ich finde die Mitte“ und „Ich kann Bewegung wieder führen“. Der Kopf bewegt sich hier nicht nur weg und zurück, sondern muss eine Aufgabe im Raum lösen.

Lockerer Stand (oder im Sitzen): Kopfkoordination üben. (Bild: Wirbelwirrwarr)

8.) Trunk on Head light

Der Kopf bleibt möglichst ruhig auf ein Ziel ausgerichtet, während sich der Rumpf minimal darunter bewegt. Zum Beispiel im Sitzen mit Hilfe eines Drehstuhls leicht nach links und rechts drehen, während der Blick auf einem Punkt bleibt.
>> Wenn der Kopf auf einem festen Ziel bleibt und sich der Rumpf klein darunter bewegt, ändert sich die Relation Kopf–Rumpf, ohne dass du große, freie Kopfbewegungen machen musst. Dennoch bekommt das Gehirn auf diese Art sehr gezielte Information aus dem zervikalen System, während die visuelle Referenz stabil bleibt. Cooler Kniff, oder?
Dazu kommt noch etwas: Viele Betroffene lösen Unsicherheit mit einer Blockstrategie. Kopf, Schultergürtel und Rumpf bewegen sich dann eher als ein starres Paket, weil das kurzfristig sicherer wirkt. Das Problem ist nur: So lernt das System keine feine Steuerung zurück. In der Rekalibrierung willst du aber gerade weg von diesem „en bloc“-Muster und hin zu einer differenzierteren Organisation. Die Übung zwingt das System in kleiner Dosierung dazu, Kopf und Rumpf wieder als zwei koordinierte, aber nicht verschmolzene Einheiten zu behandeln.

Sieht man hier schlecht: Kopf geradeaus, Körper rotiert darunter. (Bild: Wirbelwirrwarr)

9.) Mini-Perturbationen

Ein Finger gibt am Kinn oder an der Schläfe winzige, kaum sichtbare Impulse. Diese werden nicht krampfthaft weggehalten, sondern ruhig ausgeglichen.
>> Das System lernt wieder, kleine Störungen zu registrieren und souverän zu beantworten.

10.) Balance mit ruhigem Kopf

Im Stand einen Punkt fixieren und den Kopf möglichst ruhig in der Mitte halten, während der Körper fein ausbalanciert. Erst breit stehen, später enger, später auf einem Balanceboard (siehe Übung 13).
>> Hier kommen Gleichgewicht, Blick und Kopfkontrolle zusammen. Das ist echte Rekalibrierung: mehrere Systeme arbeiten gleichzeitig, aber kontrolliert.

11.) Sit-to-Stand mit Blickanker

Beim Hinsetzen und Aufstehen bleibt der Blick auf einem festen Punkt. Der Kopf soll nicht hektisch mitwackeln, wegschießen oder vom Rumpf „mitgerissen“ werden.
>> So wird sensorimotorische Kontrolle aus dem Schonraum in eine alltagsnahe Bewegung übertragen.

12.) Smooth Pursuit light

Ein kleiner Punkt oder Finger bewegt sich langsam vor den Augen, der Kopf bleibt still.
>> Diese Übung trainiert die Augenbewegung und bereitet die spätere Kopf-Augen-Kopplung besser vor. Sie ist besonders nützlich, wenn Blicksteuerung, Lesen oder visuelle Belastung schwierig geworden sind.

13.) Balanceboard

Erst wenn ruhiger Stand mit Blickanker auf festem Boden gut klappt: beide Füße sicher auf eine instabile Unterlage oder ein Balanceboard, Blick auf einen festen Punkt, Kopf möglichst ruhig in der Mitte. Zunächst nur das Schwanken wahrnehmen und klein ausgleichen. Später können Mini-Nicken, Mini-Rotationen oder kleine Armbewegungen dazukommen.
>> Das Balanceboard erhöht die Anforderungen an Gleichgewicht, Blickstabilität und Kopf-Rumpf-Koordination. Genau dadurch lernt das System, kleine Störungen feiner und schneller zu sortieren, ohne sofort in grobe Schutzspannung zu kippen.

Balanceboards sind super Steigerungen. (Bild: Wirbelwirrwarr)

14.) Blick und Atmung koppeln

Während du einen Punkt fixierst und eine kleine Kopf- oder Rumpfaufgabe ausführst, bleibt die Atmung ruhig und gleichmäßig.
>> So lernt das System, dass Bewegung und Regulation gleichzeitig möglich sind.

15.) Metronom-Rekalibrierung

Führe kleine Bewegungen im festen Takt aus, zum Beispiel 4 Takte hin, 4 halten, 4 zurück.
>> Die Bewegung wird berechenbarer, weniger hektisch und damit oft besser tolerierbar.

16.) Kopf ruhig, Körper arbeitet

Zum Beispiel: im Sitzen beide Füße leicht nacheinander belasten, ohne dass der Kopf mitkippt. Oder im Stand das Gewicht minimal von links nach rechts verlagern, während der Blick fixiert bleibt.
>> Das ist eine einfache Möglichkeit, Orientierung und Körpermitte miteinander zu verknüpfen. Gerade im Alltag muss der Kopf nicht isoliert funktionieren, sondern im gesamten System.

Merksatz:

Rekalibrierung heißt: sinnvolles Zusammenspiel erlernen.

Der Nacken arbeitet nie allein – 4 „Brückenübungen“

An dieser Stelle, zwischen Rekalibrierung und Bremsen, passt noch ein wichtiger Gedanke aus der neueren neuroplastischen UCI-Literatur: Dort wird nicht einfach nur der Hals als Behandlungsziel beschrieben, sondern das ganze System darunter mitgedacht: Haltung, Becken, Brustkorb, Schultergürtel, Gehen und Alltagsbewegungen (Chalela & Russek, 2024).

Die Idee dahinter: Wenn der Körper unter dem Kopf ruhiger, klarer und energiesparender organisiert ist, muss die Halswirbelsäule weniger mit grober Schutzspannung kompensieren. Der Nacken arbeitet eben nie allein. Genau deshalb können Übungen sinnvoll sein, die auf den ersten Blick gar nicht nach „Nackentraining“ aussehen.

1.) Lumbopelvine Neutralfindung mit Druck-Biofeedback

In Rückenlage oder im gestützten Sitz suchst du (mit Hilfe eines Druck-Biofeedback-Kissens) eine kleine, ruhige Beckenmitte. Du suchst also den Bereich zwischen „zu viel Hohlkreuz“ und „zu flach“. Das Ganze langsam, gern im 5–5–5-Rhythmus: 5 Sekunden suchen/aufbauen, 5 Sekunden halten, 5 Sekunden lösen.
>> So wird unten Ordnung geschaffen. Ist also eine sehr sinnvolle Ergänzung zu HWS-Übungen.

2.) Hip Hinge light

Im Stand vor einer Wand schiebst du das Becken minimal nach hinten, als würdest du dich an der Hüfte falten, nicht im Hals oder Brustkorb einknicken. Kopf und Blick bleiben ruhig ausgerichtet.
Optimal: Der Po geht leicht nach hinten, das Gewicht bleibt über den Füßen, der Brustkorb knickt nicht ein, und der Kopf fährt nicht wie eine Schildkröte nach vorn.
>> Viele Hypermobile und Menschen, die ihre Nacken nicht gut koordinieren können, realisieren das Vorbeugen über Hals, Kiefer und obere Brust. Der Hip Hinge sortiert die Last dahin zurück, wo sie hingehört: in die Hüfte.

3.) Gehen mit ruhigem Kopf

Langsames Gehen mit Blickanker: Der Blick bleibt weich auf einem Punkt im Raum oder in Gehrichtung orientiert, der Kopf möglichst ruhig, der Schritt klein und gleichmäßig. Später: gehen und den Blick kurz zwischen zwei Zielen wechseln.
>> Dient als Retraining alltäglicher Bewegung. Und da Gehen die Orientierung, das Gleichgewicht und die Kopf-Rumpf-Kopplung beansprucht.

4.) Armgleiten bei ruhigem Kopf
Unterarme auf einem Tisch oder Kissen ablegen. Schulterblätter ruhig und breit organisieren, dann die Hände langsam ein Stück nach vorn und wieder zurück gleiten lassen. Kopf und Blick bleiben ruhig ausgerichtet, der Hals soll nicht mithelfen, die Schultern sollen nicht hochziehen.
>> Bewegung im Rest des Körpers soll nicht automatisch Halschaos auslösen. Die Übung verbindet Schultergürtel, Rumpf und Kopfkontrolle und verbindet Rekalibrierung und Alltag.

Schritt 4: Bremsen

Bis hierhin ging es vor allem darum, Sicherheit herzustellen, den Nacken überhaupt wieder auffindbar zu machen und die beteiligten Systeme neu aufeinander abzustimmen. Jetzt kommt der Teil, der für alltagstaugliche Stabilität besonders wichtig sein könnte: Bremsen.

Denn Instabilität zeigt sich im Alltag oft dadurch, dass das System hektisch auf Bewegung reagiert.

Bremsen heißt nicht: den Nacken hart festhalten.
Bremsen heißt: eine kleine Bewegung zulassen, verlangsamen und wieder einfangen.

Das ist der Punkt, an dem Exzentrik spannend wird. Exzentrik bedeutet: Ein Muskel arbeitet, während er länger wird. Er lässt also nicht einfach los, sondern gibt geführt nach. Im HWS-Kontext heißt das nicht Kraftsport, sondern: kleine, antizipierte Bewegung unter Kontrolle abfangen. Genau solche exzentrischen Kontrollanteile tauchen auch in fortgeschritteneren HWS-/Schleudertrauma-Konzepten auf und – ihr merkt es schon – sind den Übungen zur Rekalibrierung sehr ähnlich.

Grundregeln für Bremsübungen

  • Nur starten, wenn die Übungen aus Sicherheit, Wachkitzeln und Rekalibrierung halbwegs ruhig toleriert werden.
  • Die Bewegung bleibt winzig. Millimeter bis wenige Grad reichen völlig.
  • Der Widerstand ist sanft. Eher 10–20 % als „richtig dagegenhalten“.
  • Keine Endstellungen.
  • Der Atem bleibt ruhig. Kiefer und Schultern bleiben möglichst locker.
  • Ziel ist geführtes Nachgeben, nicht Pressen.
  • Wenn sich danach etwas deutlich verschlechtert und das anhält, war es zu viel.

Wenn Rekalibrierung bedeutet: „Die Systeme sollen wieder sinnvoll zusammenspielen“,
dann bedeutet Bremsen: „Dieses Zusammenspiel soll jetzt auch unter kleiner Last und bei Richtungswechseln halten.“

1.) Exzentrisches Vorbremsen

Lege die Hand sanft an die Stirn. Gib einen kleinen Impuls nach hinten, der den Kopf minimal in Richtung Streckung bringen möchte. Der Kopf lässt diese Bewegung nur millimeterweise und verlangsamt zu.
>> Hier lernt die vordere Kette, kleine Rückwärtsimpulse nicht einfach ins System durchzulassen, sondern sie kontrolliert abzubremsen.

2.) Exzentrisches Rückbremsen

Lege die Hand an den Hinterkopf. Gib einen sanften Impuls nach vorn, sodass der Kopf minimal in Richtung Beugung möchte. Der Kopf gibt nur ganz wenig und sehr langsam nach.
>> So lernt die hintere Kette, Vorwärtsverlagerung nicht hektisch oder mit Blockspannung zu beantworten, sondern geführt aufzunehmen.

3.) Exzentrisches Seitbremsen

Lege die Hand seitlich an die Schläfe. Gib einen kleinen Druck, der den Kopf in Seitneigung bringen möchte. Du lässt diese Bewegung nur langsam und gesteuert zu.
>> Seitliche Lastspitzen sind für viele besonders unangenehm, weil sie schnell Schutzspannung auslösen. Diese Übung hilft, mit seitlicher Belastung wieder klarzukommen.

4.) Exzentrisches Rotationsbremsen

Lege die Hand an Wange oder Schläfe. Gib einen minimalen Impuls in Dreh-Richtung, während der Kopf nur sehr wenig und sehr langsam nachgibt.
>> Rotation ist für viele ein sensibler Bereich. Gerade deshalb ist die kontrollierte Rotationsbremse sinnvoll: Das System lernt, Drehkräfte zu führen statt sie ungebremst durchzulassen oder panisch zu blockieren.

Bremsen. (Bild: Wirbelwirrwarr)

5.) Aufrechte exzentrische Nick-Kontrolle

Setz dich aufrecht hin und stell ein ganz kleines Nicken ein. Dann lässt du den Kopf minimal in Richtung Rückneigung nachgeben, ohne diese feine vordere Kontrolle schlagartig zu verlieren. Danach führst du ihn sauber wieder in die Mitte zurück.
>> Das ist die zervikale Exzentrik in ihrer klarsten Form: nicht einfach anspannen, sondern eine kleine antigravitäre Rückwärtsbewegung der HWS kontrolliert bremsen. Genau solche Anteile werden in fortgeschritteneren HWS-/Whiplash-Programmen beschrieben.

6.) Spiegel-Bremsen

Führe eine Bremsübung vor dem Spiegel aus. Beobachte dabei: Bleibt die Bewegung klein? Zieht der Schultergürtel hoch? Verdreht sich der Rumpf mit? Wird aus feiner Bremsung plötzlich grobes Gegenhalten?

7.) Metronom-Bremsen

Nutze einen ruhigen Takt, zum Beispiel:
4 Takte nachgeben – 2 Takte halten – 4 Takte zurück.

8.) Bremsen und Ausatmen

Während du eine Bremsübung machst, bleibt die Ausatmung lang und ruhig.
>> Das verhindert, dass Bremsarbeit sofort wieder in vegetative Alarmreaktion kippt. Ziel ist nicht nur muskuläre Kontrolle, sondern Kontrolle ohne Stresseskalation.

9.) Gebremstes Laser-Zickzack
Mit dem Laserpointer an der Stirn stellst du dich etwa drei bis vier Meter vor eine Wand und fährst ein kleines Zickzack mit Zielpunkten oder Ecken ab. Zum Beispiel von der linken oberen Raumecke zur rechten oberen Ecke (davor abbremsen), ziehst weiter zur linken unteren Ecke (auch wieder abbremsen) und so weiter. Das heißt: Vor jeder Ecke oder jedem Zielpunkt verlangsamst du sichtbar, stoppst kurz und wechselst erst dann die Richtung. Wichtig: Auch hier bleiben die Bewegungen ganz klein, also achte auf den passenden Abstand zu den Raumecken oder – wenn du lieber einer gemalten Zickzack-Linie folgen möchtest – zu deinem Blatt Papier.
>> Ziel: Richtungswechsel rechtzeitig abbremsen lernen.

Wann welche Übungen und wie viel davon?

Theorie ist die eine Sache, aber die Umsetzung nochmal etwas ganz anderes. Da ich keine Versuchskaninchen parat habe, an denen ich mal eben testen kann, in welcher Zusammenstellung all diese Übungen am meisten Sinn ergeben, kann ich nur wieder eines tun: sinnvoll ableiten.
Somit würde ich als Einstieg eher klein denken: etwa 10 bis 15 Minuten pro Tag (oder 13 :D), mit insgesamt 3 bis 5 Übungen, nicht mit einem Komplettprogramm aus allen Säulen.
An schlechten Tagen würde ich eher Sicherheit und Wachkitzeln fokussieren, an stabileren Tagen etwas Rekalibrierung dazu und später punktuell Bremsarbeit. Es geht nicht darum, möglichst viel abzuhaken, sondern dass eine Übungseinheit ruhig, reproduzierbar und gut tolerierbar bleibt. Das Nervensystem soll neues Vertrauen gewinnen.

So könnte eine individuelle Abstufung aussehen (aber das muss jeder für sich selbst ausprobieren):

Variante A – hoher Alarm / schlechter Tag (ca. 5 Minuten)

  • 2 Minuten Blickanker + Kiefer entladen
  • 2 Minuten 4-6-Atmung oder Lippenbremse
  • 1 Minute ruhiges Nachspüren

Variante B – mittlerer Tag / Aufbau (ca. 12–15 Minuten)

  • 2 Minuten Sicherheitseinstieg
  • 3 Minuten Wachkitzeln: 1-mm-Nicken + Mini-Rotation
  • 4–5 Minuten Rekalibrierung: Blickziel-Stabilität + Auge-Kopf-Koordination
  • 2–3 Minuten Brückenübung: Armgleiten, Gehen mit ruhigem Kopf oder Hip Hinge light
  • 1 Minute Ausklang

Variante C – guter Tag / späterer Aufbau (ca. 12–15 Minuten)

  • 1 Sicherheitsanker
  • 1 Wachkitzel-Übung
  • 2 Rekalibrierungsübungen
  • 1 Bremsübung
  • fertig

Letzte Worte

Ich schreibe das hier nicht aus einer Position des ultimativen Wissens, sondern aus einer Position des Suchens. Ich bin keine Instanz, keine Spezialistin und erst recht kein Ersatz für medizinische Beurteilung. Ich versuche lediglich, vorhandene Theorie, Forschung, klinische Beobachtungen und plausible Ableitungen so zusammenzusetzen, dass für mich ein verständlicheres Bild entsteht. Mehr nicht. Das hier ist also kein Behandlungsversprechen, kein Masterplan und keine Wahrheit in Stein gemeißelt, sondern ein Denkmodell auf Zeit, das ausgebaut werden darf. Nehmt euch daraus, was euch sinnvoll erscheint, verwerft, was nicht passt, und bleibt unbedingt kritisch.


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