Über unsichtbare Erkrankungen, erschüttertes Vertrauen und die Einsamkeit, die manchmal mitten in einer Beziehung entsteht.


Einsam ohne allein zu sein

Es gibt eine besondere Form der Einsamkeit, für die man nicht allein sein muss. Man kann gemeinsam frühstücken, abends nebeneinander auf dem Sofa sitzen, sich ein Bett und ein halbes Leben teilen und trotzdem das Gefühl haben, mit dem Wichtigsten auf sich allein gestellt zu sein. Zum Beispiel, wenn man krank ist. Und der Mensch, von dem man eigentlich erwarten würde, dass er einem glaubt, genau das nicht tut.
Man erzählt von Schmerzen, Erschöpfung oder einem Körper, der sich schon wieder nicht an die Tagesplanung halten möchte, und bekommt statt Mitgefühl einen skeptischen Blick. Vielleicht auch einen gut gemeinten Ratschlag, endlich wieder mehr Sport zu treiben. Oder die beiläufige Bemerkung, dass man gestern doch noch ganz munter gewesen sei.
Und irgendwann erzählt man lieber gar nichts mehr. Einfach weil jede Erklärung zu einer kleinen Gerichtsverhandlung geworden ist, bei der man gleichzeitig Angeklagter, Zeuge und Verteidiger sein muss.

Das Problem mit der Beweisbarkeit

Wir Menschen haben eine merkwürdige Vorliebe für Dinge, die wir sehen können. Ein gebrochenes Bein überzeugt uns ziemlich schnell davon, dass jemand vorübergehend keine Treppen steigen sollte. Eine schwere Erschöpfung dagegen muss sich ihren Platz in unserer Vorstellung häufig erst mühsam erkämpfen. Das liegt auch daran, dass wir das Erleben anderer Menschen grundsätzlich nur indirekt erschließen können. Niemand kann in den Körper eines anderen hineinschauen und dort nachfühlen, wie stark etwas schmerzt, wie bedrohlich sich Schwindel anfühlt oder wie viel Kraft es kostet, morgens überhaupt aufzustehen.

Normalerweise ist das kein großes Problem. Schließlich funktionieren unsere Beziehungen nicht dadurch, dass wir jede Empfindung des anderen überprüfen. Sie funktionieren, weil wir einander ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit zugestehen.

Bei chronischen Erkrankungen gerät dieses Vertrauen allerdings manchmal ins Wanken. Besonders dann, wenn die Beschwerden schwanken, diagnostische Befunde uneindeutig sind oder Betroffene an manchen Tagen scheinbar mühelos Dinge bewältigen kann, die an anderen Tagen unmöglich scheinen. Gestern ein Spaziergang, heute nicht einmal der Gang zum Briefkasten? Für Außenstehende wirkt das möglicherweise widersprüchlich. Für jemanden mit einer fluktuierenden Erkrankung kann es völlig plausibel sein.

„Was hast du denn schon wieder?!“ (Bild: Wirbelwirrwarr)

Warum ausgerechnet der eigene Partner zweifelt

Man könnte meinen, dass die Menschen, die uns am besten kennen, auch am ehesten Verständnis für uns haben. Manchmal ist allerdings gerade ihre Nähe ein Teil des Problems. Eine chronische Erkrankung verändert schließlich selten nur das Leben der erkrankten Person. Sie greift auch in gemeinsame Zukunftsvorstellungen ein, verändert Aufgabenverteilungen, Freizeitaktivitäten, Sexualität, finanzielle Möglichkeiten und die kleinen Selbstverständlichkeiten des Alltags.

Aus dem geplanten Wochenendausflug wird möglicherweise ein weiteres Wochenende zu Hause. Aus zwei Menschen, die alles gemeinsam schaffen wollten, werden zeitweise einer, der Unterstützung benötigt, und einer, der mehr Verantwortung übernehmen muss.

Nicht jeder kommt damit gut zurecht.

In der Psychologie beschreibt der Begriff kognitive Dissonanz das unangenehme Spannungsgefühl, das entstehen kann, wenn Überzeugungen, Erwartungen und Erfahrungen nicht miteinander vereinbar sind. Wer sich eine aktive, unbeschwerte Partnerschaft vorgestellt hat, muss diese Vorstellung möglicherweise korrigieren, wenn eine chronische Erkrankung dazwischenkommt. Eine Möglichkeit, diesen Widerspruch aufzulösen, besteht darin, die eigenen Erwartungen anzupassen. Eine andere wäre, die Bedeutung der Erkrankung herunterzuspielen. Dann heißt es plötzlich, man müsse sich nur ein bisschen zusammenreißen, positiver denken oder sich nicht ständig mit seinen Beschwerden beschäftigen.

Das ist allerdings nur eine mögliche Erklärung. Hinter solchen Reaktionen können ebenso Unwissenheit, Hilflosigkeit, Überforderung, aufgestauter Ärger oder eigene Ängste stecken. Manchmal sind es auch fest verankerte Vorstellungen davon, wie Krankheit auszusehen hat und wie sich ein „wirklich kranker“ Mensch verhalten müsste.

Und manchmal verhält sich ein Mensch schlicht rücksichtslos.

Wichtig: Psychologische Erklärungen können helfen, ein Verhalten zu verstehen. Sie sind aber keine automatische Entschuldigung dafür.

Wenn die eigene Wahrnehmung plötzlich Verhandlungssache ist

Wir orientieren uns nicht ausschließlich an dem, was wir selbst erleben. Wir beobachten auch die Reaktionen anderer Menschen, um unsere Erfahrungen einzuordnen. Normalerweise ist das ziemlich hilfreich: Wenn wir unsicher sind, ob wir eine Situation richtig verstanden haben, können uns vertraute Menschen eine zweite Perspektive anbieten.

Schwierig wird es, wenn genau diese zweite Perspektive unsere erste dauerhaft infrage stellt. Wer zum Beispiel immer wieder hört, dass die eigenen Beschwerden übertrieben, eingebildet oder eigentlich gar nicht so schlimm seien, beginnt möglicherweise irgendwann, die eigene Einschätzung anzuzweifeln:
War das wirklich so schlimm? Bin ich vielleicht einfach empfindlich? Sollte ich mich tatsächlich mehr anstrengen?
Solche Zweifel müssen nicht entstehen, können aber besonders belastend werden, wenn sie von einer Person ausgehen, deren Urteil uns viel bedeutet.

In diesem Zusammenhang winkt uns das Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit zu. Damit beschreibt die Philosophin Miranda Fricker unter anderem Situationen, in denen Menschen aufgrund von Vorurteilen weniger Glaubwürdigkeit zugesprochen wird.

Man weiß etwas über den eigenen Körper, aber das eigene Wissen zählt nicht.

Ausgerechnet zu Hause muss man sich verteidigen

Eine Partnerschaft ist nicht nur eine romantische Verbindung. Im besten Fall ist sie auch ein Ort, an dem wir uns verletzlich zeigen können, ohne ständig auf der Hut sein zu müssen. Die Bindungsforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesem Bedürfnis. Enge Bezugspersonen können als eine Art sicherer Hafen dienen: Wir suchen ihre Nähe, wenn wir uns bedroht, überfordert oder hilflos fühlen, und finden im Idealfall Unterstützung.

Erkrankungen gehören zu den Situationen, in denen dieses Bedürfnis besonders deutlich werden kann. Denn wer erlebt, dass der eigene Körper nicht mehr zuverlässig funktioniert, verliert möglicherweise ein Stück Selbstverständlichkeit und Kontrolle. Wenn dann auch noch die wichtigste Bezugsperson die Beschwerden infrage stellt, fehlt nicht nur praktische Hilfe. Es fehlt unter Umständen der Mensch, bei dem man die eigene Unsicherheit hätte abladen können.

Ausgerechnet dort, wo man sich erholen möchte, muss man sich erklären.

Und das kann eine ganz eigene Dynamik entwickeln: Man beobachtet die Stimmung des Partners, überlegt, welche Beschwerden man erwähnen darf, und wägt ab, ob die Bitte um Hilfe eine weitere Diskussion wert ist. Das Problem ist dann längst nicht mehr nur die ursprüngliche Erkrankung. Es ist auch die ständige Beschäftigung mit der Frage, wie viel der eigenen Realität man dem anderen zumuten kann.

Wenn Schweigen einfacher wird als Erklären

Irgendwann entwickelt man möglicherweise erstaunliche Fähigkeiten darin, Beschwerden zu verstecken. Man sagt, man sei müde, obwohl man eigentlich Schmerzen hat. Man erledigt Dinge allein, obwohl Hilfe willkommen wäre. Man lächelt beim Abendessen, weil man heute wirklich keine Lust mehr hat, darüber zu diskutieren, ob die Erschöpfung nun körperlich oder psychisch bedingt ist.

Wenn man sich abgewöhnt, darüber zu reden. (Bild: Wirbelwirrwarr)

Nach außen mag das wie eine Verbesserung aussehen. Die Beschwerden werden seltener erwähnt, Streitigkeiten nehmen ab, der Alltag wirkt wieder etwas normaler. Nur ist nicht unbedingt etwas besser geworden.

Aus der Forschung zu sozialer Unterstützung wissen wir, dass nicht allein entscheidend ist, wie viel Hilfe tatsächlich zur Verfügung steht. Auch die wahrgenommene Verfügbarkeit von Unterstützung spielt für unser psychisches Wohlbefinden eine wichtige Rolle. Es macht einen Unterschied, ob ich darauf vertraue, im Notfall Hilfe zu bekommen, oder ob ich bereits im Voraus damit rechne, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Wer Letzteres erwartet, fragt womöglich irgendwann gar nicht mehr.

So kann eine Beziehung nach außen weiterhin funktionieren, während in Wirklichkeit etwas Fundamentales zerbrochen ist: die Bereitschaft, den anderen am eigenen Erleben teilhaben zu lassen.

Und was macht das mit der Erkrankung?

Stress ist kein besonders guter Begleiter, wenn der Körper ohnehin schon mit Beschwerden beschäftigt ist. Schlafprobleme, erhöhte Anspannung und emotionale Belastung können beispielsweise die Schmerzwahrnehmung beeinflussen und die Bewältigung einer Erkrankung erschweren. Das bedeutet allerdings nicht, dass fehlende Anerkennung die zugrunde liegende körperliche Erkrankung verursacht oder zwangsläufig verschlimmert.

Hier sollte man sauber unterscheiden:

Psychische und soziale Belastungen können beeinflussen, wie Symptome wahrgenommen, verarbeitet und bewältigt werden. Bei manchen Erkrankungen stehen sie außerdem mit Veränderungen der Symptomintensität in Zusammenhang. Daraus lässt sich aber weder schließen, dass Beschwerden bloß psychisch seien, noch, dass sich jede Verschlechterung auf Beziehungsstress zurückführen ließe.

Was sich durchaus sagen lässt: Wer chronisch krank ist, hat meistens schon genug zu bewältigen. Zusätzliche Konflikte um der Kampf um Glaubwürdigkeit machen diese Aufgabe nicht leichter.

Muss der Partner denn alles glauben?

Nein. Und genau deshalb lohnt sich eine Unterscheidung, die in solchen Diskussionen häufig untergeht.

Jemandem seine Beschwerden zu glauben, bedeutet nicht, jede Erklärung für diese Beschwerden übernehmen zu müssen.

Man darf unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob ein bestimmtes Symptom tatsächlich von einer bekannten Erkrankung ausgelöst wird. Man darf medizinische Hypothesen hinterfragen, zu weiteren Untersuchungen raten und sich sogar Sorgen machen, dass sich jemand auf eine Diagnose versteift. All das ist mit einer respektvollen Beziehung vereinbar.

Nicht vereinbar mit einem verlässlichen Umgang ist dagegen, das subjektive Erleben des anderen pauschal abzuwerten, nur weil man selbst keine überzeugende Erklärung parat hat. Denn zwischen „Ich weiß nicht, woher deine Schmerzen kommen“ und „Du hast gar keine richtigen Schmerzen“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Für Ersteres braucht man keine medizinische Ausbildung; es reicht eine Portion Empathie. Für Letzteres fehlt einem in aller Regel die Grundlage.

Wie kommt man aus dieser Spirale wieder heraus?

Zunächst eine unbequeme Erkenntnis: Man kann einen anderen Menschen nicht dazu zwingen, einem zu glauben.
Natürlich kann Aufklärung helfen. Ebenso können gemeinsame Arztgespräche, seriöse Informationen über die Erkrankung oder ein ruhiges Gespräch darüber, welche Einschränkungen tatsächlich bestehen, Missverständnisse ausräumen. Nur sollte daraus keine regelmäßige Beweispflicht werden.

Wer sich bei jeder Verschlechterung erneut rechtfertigen muss, braucht also womöglich nicht noch mehr Befunde, sondern eine grundsätzliche Veränderung im Umgang miteinander. Hilfreich kann sein, weniger über die Frage zu streiten, ob ein bestimmtes Symptom nun wirklich schlimm genug ist, und stattdessen darüber zu sprechen, was das wiederholte Infragestellen mit der Beziehung macht. Etwa darüber, dass man sich nicht mehr traut, um Hilfe zu bitten. Dass man Beschwerden verschweigt, weil man die Reaktion fürchtet. Oder dass man sich ausgerechnet in den schwierigsten Momenten allein fühlt.

Der Kern dabei ist: einen Umgang zu finden, bei dem nicht jedes unterschiedliche Urteil zugleich die Glaubwürdigkeit des anderen beschädigt. Und dazu gehören zwei Menschen mit ihren jeweiligen Perspektiven, Sorgen und Bedürfnissen.
Unterstützung kann eine Paarberatung bieten – allerdings so, dass dann da endlich jemand ist, der einem grundsätzlich recht gibt. Es geht viel mehr darum, einen Ort zu haben, an dem man offen sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen kann.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht um die Krankheit

Chronische Erkrankungen bringen oft etwas sehr Unangenehmes mit sich: Ungewissheit.
Ungewissheit darüber, wie es morgen sein wird, welche Beschwerden bleiben, welche wieder verschwinden und ob die Zukunft noch so aussehen kann, wie beide sie sich vorgestellt haben. Damit muss nicht nur die erkrankte Person umgehen lernen. Auch ihr Partner steht vor Veränderungen, die Angst machen, enttäuschen oder überfordern können.

Deshalb wäre es unrealistisch, von zwei Menschen zu verlangen, dass sie diese Situation jederzeit geduldig, verständnisvoll und ohne Konflikte bewältigen. Ein paar kleine Reminder können trotzdem helfen:
Man muss nicht alles verstehen, um jemanden ernst zu nehmen. Man muss nicht selbst Schmerzen haben, um zu glauben, dass sie existieren. Und man muss schon gar nicht für jedes Symptom eine medizinisch einwandfreie Erklärung kennen, um einem Menschen mit Zuwendung zu begegnen.

Was Partner jedoch voneinander erwarten dürfen: dass man dem anderen auch dort mit Respekt begegnet, wo das eigene Verständnis aufhört.

Einverstanden?