„Ich habe Luftnot!“ – und trotzdem zeigt das Pulsoximeter, als würde es sich einen Spaß draus machen, perfekte 99 %. Wer hypermobil ist, kennt diesen seltsamen Widerspruch: Der Körper schreit nach Sauerstoff, aber laut Messung ist alles im grünen Bereich. Was steckt wohl dahinter? Und warum macht tiefes Einatmen das Problem jetzt sogar noch schlimmer?
99 %
Es ist einer dieser vielen Momente, in denen Betroffene mit Hypermobilität oder EDS/hEDS, sich völlig veralbert vorkommen: Das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen, schnürt dir die Kehle zu. Also greifst du zum Pulsoximeter, steckst den Finger hinein und das Display zeigt: 98 % oder 99 % Sauerstoffsättigung. What?!
Wie kann es sein, dass rein medizinisch gesehen „alles bestens“ ist, während zeitgleich gefühlt ein . Überlebenskampf stattfindet?
Wenn Muskeln zu Stabilisatoren werden: Die Zwerchfell-Überlastung
Wenn Bänder und das Bindegewebe dem Skelett von Natur aus weniger passiven Halt geben, muss der Körper kompensieren. Diese Last fällt komplett auf die Muskeln, zu denen auch das Zwerchfell gehört – unser Hauptatemmuskel.
Hypermobilität führt nun dazu, dass das Zwerchfell plötzlich einen Doppeljob ausübt: Es muss zum einen für die Atmung sorgen, zum anderen ist es gezwungen, den Rumpf stark mitzustabilisieren. Klar, dass das Zwerchfell mit dieser Daueraufgabe überlastet ist, ergo schaltet der Körper oft unbewusst auf eine flache Brustatmung um.
Das Problem: Die unsichtbare Dauer-Hyperventilation
Wer dauerhaft zu flach oder zu schnell atmet, gerät schleichend in eine unbemerkte Dauer-Hyperventilation. Das bedeutet: Du atmest kontinuierlich zu viel Kohlendioxid (CO₂) ab.
- Dadurch sinkt der CO₂-Spiegel im Blut.
- Das wiederum führt zu einer sogenannten respiratorischen Alkalose (das Blut wird basischer).
Dieses basischere Milieu im Körper hat zwei massive, spürbare Auswirkungen:
1. Der Sauerstoff „steckt fest“
Das Protein Hämoglobin ist dafür zuständig, Sauerstoff durch den Körper zu transportieren und an das Gewebe abzugeben. Wird das Blut jedoch durch den CO₂-Mangel basischer, hält das Hämoglobin den Sauerstoff plötzlich viel fester fest.
Das Ergebnis: Der Sauerstoff ist zwar reichlich im Blut vorhanden (weshalb dein Pulsoximeter am Finger wunderprächtig schöne Werte anzeigt), aber er kommt schwerer in deinen Zellen und Muskeln an. Der Körper fühlt sich trotz Top-Werten unterversorgt an.
2. Die Gehirngefäße verengen sich
Ein CO₂-Mangel beeinflusst die Gefäße direkt, besonders im Gehirn. Zu wenig Kohlendioxid signalisiert den Hirngefäßen, sich zusammenzuziehen. Die Folge sind die typischen, beängstigenden Symptome: Schwindel, Benommenheit, ein diffuses Wattegefühl im Kopf und Gefühle von Unwirklichkeit.
Der Teufelskreis des Lufthungers
Dein Nervensystem wertet diese Signale (Minderversorgung im Gewebe, verengte Gehirngefäße) völlig zurecht als Alarm aus. Es reagiert mit einem biologischen Schutzreflex: Erzeugung von Lufthunger.
Daraus entsteht ein perfekter Teufelskreis: weniger CO₂ –> mehr Alarm –> mehr Lufthunger –> mehr atmen –> weniger CO₂…
Was hilft? (Und was es schlimmer macht)
Der erste Impuls bei Luftnot ist eigentlich immer: Tief einatmen! Doch genau das ist bei dieser Art Dysregulation kontraproduktiv. Wenn du ohnehin schon überatmest, beförderst du durch tiefes Luft holen nur noch mehr des dringend benötigten CO₂ aus dem Körper.
Nutze stattdessen diese 5 Schritte, um das System herunterzufahren:
- Länger ausatmen als einatmen: Das signalisiert dem Nervensystem Sicherheit und stoppt den CO₂-Verlust.
- Durch die Nase atmen: Die reine Nasenatmung bremst das Atemvolumen automatisch aus und verhindert das Überatmen.
- Atemhilfsmuskeln entlasten: Bewusst die Schultern sinken lassen, den Nacken lockern und den Kiefer lösen.
- Den Rumpf stabilisieren: Damit das Zwerchfell entlastet wird, müssen die anderen Akteure mitarbeiten. Stärke die Koordination von Rippen, Bauchwand, Beckenboden und den tiefen Rumpfmuskeln.
- CO₂–Toleranz wieder lernen: Wenn ein leichter Lufthunger kommt, versuche den Impuls, sofort wieder tief Luft zu holen, kurz auszuhalten. Der Körper muss lernen, normale CO₂-Spiegel wieder als sicher zu bewerten.
Gib deinem Körper Zeit
Eine dysfunktionale Atemschleife verändert sich nicht über Nacht. Deshalb ist es zunächst wichtig, das System durch wiederholtes, tiefes Einatmen nicht noch weiter zu triggern.
Ich drück dich (ganz vorsichtig)! 😉
Bild: Rosy / Bad Homburg / Germany – pixabay.com
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