Erinnert ihr euch an den Anfang des ONOO–Zyklus von Pall (2009)? Ein Stressor genügt und der Organismus rutscht in einen sich selbst fütternden Teufelskreis aus unerklärlichen Symptomen und Erkrankungen. Der ME/CFS & Long COVID-Teufelskreis von Wood und Kollegen (2025) sieht dem ziemlich ähnlich.


Viren, Nacken und lauter Symptomrätsel – eine knappe Übersicht

Ihr wisst ja, ich habe keine Zeit, um wie früher groß und breit auszuholen. Ergo gibt’s das Modell von Wood und Kollegen (2025) in äußerst knapper Form – dafür aber umso bekömmlicher.

Et voilà:

Akuter Auslöser – Virusinfektion (z. B. SARS-CoV-2, EBV, andere) → Aktivierung des Immunsystems → Matrix-Metalloproteinasen (MMPs), Mastzellen, Entzündungsmediatoren bauen Bindegewebe ab → Bei genetisch oder strukturell anfälligen Personen (z. B. Hypermobilität / hEDS) kommt es zu übermäßiger Gewebeschwächung → Geschwächtes Kollagen und Ligamente → Instabilität im Bereich der Schädel-Hals-Übergangsregion → Mögliche Folgen:

Diese Zustände führen zu mechanischer Deformation oder Kompression des Hirnstamms → Verformung betrifft vor allem autonome und immunregulatorische Zentren → Folgen: gestörte vagale Signale, Dysautonomie, fehlerhafte Immun- und Entzündungsregulation → Hirnstamm-Dysfunktion → Dauerhaft erhöhte Entzündungsaktivität im Körper (Hyperinflammation) → Chronisch aktiviertes Immunsystem → Anhaltende Freisetzung von MMPs, Mastzell-Mediatoren usw. → Weitere Zerstörung von Bindegewebe, insbesondere im Hals-/Basalhirn-Bereich (Teufelskreis) → Mehr Bindegewebsschaden → Mehr mechanische Deformation → Stärkere Hirnstamm-Dysfunktion → Mehr Entzündung → Weiterer Schaden → Über die Zeit: Chronifizierung der systemischen Dysfunktion → Typische ME/CFS- und Long-COVID-Symptome:

  • Orthostatische Intoleranz
  • Post-exertional malaise (PEM)
  • Schlaf- und Schmerzstörungen
  • Neurokognitive und immunologische Symptome

Sekundäre Effekte / Verstärker:

  • Reaktivierung latenter Viren (z. B. EBV, HHV-6)
  • Endotheliale und mitochondriale Dysfunktion
  • Persistierende metabolische Hypoaktivität (Anknüpfung an Itaconate Shunt- und Cell Danger Response-Hypothesen)

Viren, Nacken und lauter Symptomrätsel – eine knappere und bekömmlichere Übersicht

Die Arbeit von Wood und Kollegen ist zwar noch nicht peer-reviewt, aber ich muss hier ja zum Glück nicht allzu pingelig sein. 🙃

Deshalb das Ganze nochmal, aber in verständlicherer:

Den Anfang bildet eine Virusinfektion

Nach einer Virusinfektion (z. B. Corona, Epstein-Barr, Grippe) reagiert das Immunsystem sehr stark. Dabei werden Stoffe ausgeschüttet, die Bindegewebe im Körper abbauen, um Entzündungen zu bekämpfen und Heilung einzuleiten.
Bei manchen Menschen – besonders bei denen mit lockeren Gelenken oder Bindegewebsschwäche (Hypermobilität, Ehlers-Danlos-Syndrom) – wird dieses Gewebe aber zu stark geschwächt.
Wenn Bänder und Gewebe rund um den Übergang zwischen Schädel und Halswirbelsäule geschwächt sind, kann es dort zu Instabilität kommen.
Dadurch können sich Hirnstamm und Nerven leicht verschieben oder zusammengedrückt werden – etwa bei bestimmten Kopfhaltungen oder Bewegungen.

Visuelle Stützen unterstützen die Vorstellungskraft. Aber bedenkt: Die Wirklichkeit ist viel, viel komplexer. (Bild: Wirbelwirrwarr)

Zur Erinnerung: Die Hirnstammregion ist sehr wichtig. Sie steuert Atmung, Kreislauf, Schlaf, Schmerz, Immunsystem und Energiehaushalt.

Der gereizte Hirnstamm

Gerät der Hirnstamm aus dem Gleichgewicht, sendet er fehlerhafte Signale an den Körper.
Dadurch können viele Systeme gleichzeitig durcheinandergeraten – z. B.:

  • das autonome Nervensystem (führt zu Schwindel, Kreislaufproblemen, Schwäche),
  • das Immunsystem (bleibt dauerhaft aktiviert, verursacht Entzündung),
  • die Schlaf- und Schmerzzentren (führen zu Erschöpfung und Schmerzempfindlichkeit).

Entzündungen breiten sich aus

Die Fehlsteuerung im Hirnstamm sorgt für dauerhafte Entzündungsaktivität im Körper. Diese Entzündung baut wiederum weiter Bindegewebe ab – besonders im Nacken. Das führt dazu, dass der Druck auf den Hirnstamm zunimmt → die Fehlsteuerung wird noch stärker.

So entsteht ein Teufelskreis:
Instabilität → Hirnstammreizung → Fehlsteuerung → Entzündung → noch mehr Instabilität.

Fortdauernde Symptome

Mit der Zeit wird dieser Kreislauf chronisch.
Das erklärt, warum viele Betroffene unter einer Vielzahl von Symptomen leiden, deren Ursprung sich partout nicht einkringeln lässt. Etwa:

  • extreme Erschöpfung nach geringer Belastung,
  • Schlafstörungen,
  • Kreislaufprobleme beim Aufstehen,
  • Konzentrationsstörungen,
  • Muskelschmerzen,
  • Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder Berührung.

Pall, M.L., (2009). Explaining unexlained illnesses. Disease paradigm for chronic fatigue syndrome, multiple chemical sensitivity, fibromyalgia, post-traumatic stress disorder, gulf war syndrome, an others. informa.

Wood, J., Varley, T., Hartman, J., Melia, N., Kaufman, D., & Falor, T. (2025). A mechanical basis: Brainstem dysfunction as a potential etiology of ME/CFS and long COVID [Preprint]. Preprints.org. https://doi.org/10.20944/preprints202506.0874.v1