Mal wieder zu Gast in der Notfaufnahme, weil der Körper außer Rand und Band geraten ist? Finger-Nase, Knie-Hacke, Romberg, Unterberger: wie immer alles unauffällig. Aber wie kann das sein?


Die finden sowieso nix

Es ist wieder soweit. Du liegst nachts in deinem Bett und plötzlich wird dir ganz komisch. In deinem Hinterkopf baut sich Druck auf, sodass du nicht weißt, wie du liegen sollst. Bald darauf wird dein Herzschlag schneller und brutaler. Drehschwindel setzt ein. Im Ohr entsteht ein scharfes Fiepen und Teile deines Körpers werden taub. Du hast das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden, doch du haderst zugleich, in die Notaufnahme zu gehen.
„Die finden sowieso wieder nix“, denkst du.

Wie im Zirkus

Das Symptombild, mit dem sich Wackelhälse in Notaufnahmen präsentieren, ruft in der Regel immer einen Neurologen auf den Plan. Und dieser verlangt wie im Zirkus etliche artistische Kunststücke.

FINGER-NASE-VERSUCH

Zweck: Prüfung der Zielgenauigkeit und Koordination der Armbewegungen. Der Patient berührt abwechselnd seine eigene Nase und den Finger des Untersuchers. Unsaubere, überschießende oder verlangsamte Bewegungen können auf eine Störung des Kleinhirns oder seiner Verbindungen hinweisen.

Finger-Nase-Versuch. (Bild: Wirbelwirrwarr)

KNIE-HACKE-VERSUCH

Zweck: Prüfung der Koordination der Beine. Der Patient fährt im Liegen mit der Ferse des einen Fußes über das Schienbein des anderen Beins. Kommt es dabei zu Abweichungen, Zittern oder einem „Verfehlen“, deutet dies ebenfalls auf eine Störung im Bereich des Kleinhirns hin.

Knie-Hacke-Versuch. (Blld: Wirbelwirrwarr… und ChatGPT, das mich eindeutig nicht versteht.)

ROMBERG-TEST

Zweck: Prüfung des Zusammenspiels zwischen Gleichgewicht, Tiefensensibilität und visueller Orientierung. Der Patient steht mit eng beieinander stehenden Füßen, ausgestreckten Armen und zunächst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen im Raum. Ein verstärktes Schwanken oder ein Verlust des Gleichgewichts bei geschlossenen Augen spricht für eine Beeinträchtigung der Tiefensensibilität oder des Gleichgewichts.

Romberg-Test. (Bild: Wirbelwirrwarr)

UNTERBERGER-TRETVERSUCH

Zweck: Prüfung des Gleichgewichts- und Raumorientierung. Dafür marschiert der Patient auf der Stelle mit geschlossenen Augen. Eine deutliche Drehung oder Abweichung zur Seite kann auf Störungen des Gleichgewichtsorgans oder seiner zentralen Verschaltungen hindeuten.

Unterberger-Tretversuch. (Bild: Wirbelwirrwarr)

Wie kann das sein?

All diese Tests sprechen Funktionsbereiche an, die durch CCI stark beeinflusst werden. Dennoch sind sie oft unauffällig und der Grund dafür, dass Wackelhälse in der Notaufnahme schief angesehen und nach Hause geschickt werden. Wie kann das sein?

Die Antwort liegt wie so oft im Detail. CCI reizt den Hirnstamm und das Rückenmark, aber eine gravierende Schädigung ist eher selten. Genau das ist es aber, was (korrekterweise) mit solchen Tests geprüft wird. Im Gegensatz zu einer Schädigung zeigt sich Reizung „leider“ klinisch (!!) viel subtiler.

Obendrein ist der Körper richtig gut darin, Unstimmigkeiten zu kompensieren. Er aktiviert muskuläre Schutzspannungen, umgeht – ohne dass wir es merken – symptomauslösende Bewegungen und hält uns unnachahmlich funktional.
Nur leider rutschen Wackelhälse eben deshalb durchs Netz.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es in der Notaufnahme primär darum geht, mithilfe eines Triage-Systems Menschen in akuter Lebensgefahr zu erkennen und zu versorgen. Wackelhälse leben mit ihren Beschwerden jedoch häufig schon seit Monaten oder Jahren und benennen dies auch, wenn sie ihren Besuch am Tresen der Notaufnahme begründen. In diesem Moment wird der Fall automatisch als nicht akut eingeordnet – der Patient hat im Triage-System keine Priorität.

That’s it.