Immer heißt es: „Sie müssen Ihren Nacken kräftigen, damit er stabiler werden kann!“ Aber damit Muskulatur ein Gelenk stabilisieren kann, muss sie nicht nur Kraft entwickeln, sondern zur richtigen Zeit und in angemessener Stärke aktiviert werden.
Wie alles zusammenspielt
Um die Halswirbelsäule stabilisieren zu können, braucht das Nervensystem Informationen über ihre Stellung, Bewegung und über die mechanische Belastung. Diese Informationen bekommt das Gehirn durch Mechanorezeptoren in Muskeln, Bändern, Facettengelenken und anderen Geweben. Zusammen mit anderen Informationen beeinflussen diese Signale sowohl reflektorische als auch vorausplanende Muskelreaktionen (Solomonow, 2006; Mousavi-Khatir et al., 2018a).
Das bedeutet auch: Verändert sich die sensorische Rückmeldung aus der HWS, kann sich die neuromuskuläre Steuerung verändern.
Was bei längerer Belastung passieren kann
Wie anhaltende Belastung auf die Halswirbelsäule wirkt, wurde bereits experimentell gezeigt:
Nach zehn Minuten statischer Nackenflexion konnten gesunde Erwachsene ihre Kopfposition weniger genau reproduzieren. Gleichzeitig setzte die Aktivierung der zervikalen Rückenstrecker bei einer nachfolgenden Bewegung verzögert ein (Mousavi-Khatir et al., 2018a).
Andere Untersuchungen derselben Arbeitsgruppe zeigten nach statischer Nackenflexion außerdem einen größeren Bewegungsumfang, Veränderungen des Flexion-Relaxation-Verhaltens und eine geringere effektive Steifigkeit der HWS (Mousavi-Khatir et al., 2016, 2018b).
Ein Mechanismus, der zu solchen Veränderungen beitragen kann, ist Creep.
Viskoelastische Gewebe verformen sich unter länger anhaltender Zugbelastung zeitabhängig. Sie können dabei vorübergehend länger und nachgiebiger werden. Dadurch verändert sich nicht nur ihr mechanisches Verhalten: Auch die Empfindlichkeit von Mechanorezeptoren und damit die sensorische Rückmeldung an das Nervensystem können beeinflusst werden (Solomonow, 2006; Mousavi-Khatir et al., 2018a).
Vereinfacht:
Belastung → veränderte Gewebeeigenschaften → veränderte sensorische Rückmeldung → veränderte Muskelsteuerung
Kräftigung ≠ optimale Muskelsteuerung
Allerdings zielten diese Befunde doch eher auf das allseits empfohlene Dehnen ab. Die Überschrift zielt jedoch auf Kräftigung ab – und auch dafür gibt’s Forschung:
Jull et al. (2009) randomisierten 46 Frauen mit chronischen Nackenschmerzen auf zwei Programme: entweder ein niedrig dosiertes, gezieltes Training der tiefen zervikalen Flexoren oder ein progressives Krafttraining der Nackenflexoren mit Head-Lifts und steigender Last. Das Krafttraining war also keineswegs „gar kein richtiges Training“, sondern ein klassisches Widerstandsprogramm.
Was kam raus? Nach sechs Wochen zeigte nur das spezifische Training eine klare Veränderung des Aktivierungsmusters. Die tiefen Halsflexoren wurden stärker aktiviert, während oberflächliche Muskulatur weniger dominierte. Beim klassischen Krafttraining änderte sich die Aktivierung der tiefen Flexoren dagegen nicht wesentlich. Ergo: Kräftigung allein führt nicht automatisch zu optimaler Muskelsteuerung.
Wichtig: Die genannten Experimente wurden an gesunden Menschen durchgeführt und untersuchen nicht CCI. Sie zeigen aber, warum Stabilität biomechanisch und neuromuskulär mehr ist als bloße Muskelkraft, und warum bei einer bereits instabilen HWS ein pauschales „mehr“ zu kurz greift.
Jull, G. A., Falla, D., Vicenzino, B., & Hodges, P. W. (2009). The effect of therapeutic exercise on activation of the deep cervical flexor muscles in people with chronic neck pain. Manual Therapy, 14(6), 696–701. https://doi.org/10.1016/j.math.2009.05.004
Mousavi-Khatir, R., Talebian, S., Maroufi, N., & Olyaei, G. R. (2016). Effect of static neck flexion in cervical flexion-relaxation phenomenon in healthy males and females. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 20(2), 235–242. https://doi.org/10.1016/j.jbmt.2015.07.039
Mousavi-Khatir, R., Talebian, S., Toosizadeh, N., Olyaei, G. R., & Maroufi, N. (2018a). Disturbance of neck proprioception and feed-forward motor control following static neck flexion in healthy young adults. Journal of Electromyography and Kinesiology, 41, 160–167. https://doi.org/10.1016/j.jelekin.2018.04.013
Mousavi-Khatir, R., Talebian, S., Toosizadeh, N., Olyaei, G. R., & Maroufi, N. (2018b). The effect of static neck flexion on mechanical and neuromuscular behaviors of the cervical spine. Journal of Biomechanics, 72, 152–158. https://doi.org/10.1016/j.jbiomech.2018.03.004
Solomonow, M. (2006). Sensory-motor control of ligaments and associated neuromuscular disorders. Journal of Electromyography and Kinesiology, 16(6), 549–567. https://doi.org/10.1016/j.jelekin.2006.08.004
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