Es ist nicht so, dass ich Mitgefühl erwarte. Oder Verständnis. Oder Absolution, weil ich nicht so funktioniere, wie manche es für angebracht halten. Ich erwarte nicht einmal Interesse. Doch wieso um alles in der Welt werde ich bestraft?


Kleine Heldentaten

Wenn man körperlich so beschaffen ist, dass sich die meisten Dinge wie ein Mondmarsch anfühlen, versinkt man entweder in Trübsal oder beginnt damit, so viel Zeit wie nur möglich mit schönen Dingen zu verbringen und sich zu transformieren. Ich zum Beispiel bin so offenherzig wie noch nie in meinem Leben. Früher hielt ich manche Denkweisen für schlichtweg falsch und überholt – beispielsweise den Gottesglauben. Heute ziehe ich alles in Betracht und erkenne, dass es unnötig ist, andere verbiegen oder für ein kurzes Triumphgefühl bloßstellen zu wollen.

Bestimmt wisst ihr, was ich damit meine. Andernfalls, stellt euch einfach vor, jemand kommt zu euch und sagt:
„Ich bin Vegetarier, weil ich Tiere schützen möchte.“
Und ein anderer antwortet:
„Aha, Tiere schützen wollen, aber mit dem Auto an einer Kuhweide vorbeifahren…“ – und deutet an, dass man es dann auch gleich sein lassen könnte.

Missgunst, Besserwisserei, Hohn – so kommuniziert man heute. Anerkennung für die kleinen Heldentaten steht für die meisten Menschen nicht einmal zur Auswahl. Wo ist sie nur hin, die Wertschätzung, die jeder sich wünscht, aber um nichts in der Welt teilen möchte? Dabei ist nichts so simpel: Wenn ihr Wertschätzung wollt, müsst ihr sie nur rausrücken. 

Und das gilt selbstredend auch für mich. Und eben deshalb frage ich mich: Bin ich wie all diejenigen, die anderen kein Fünkchen Wertschätzung gönnen, jedoch selbst danach gieren wie die Maus nach dem Speck?

Das Böse

Glaubt ihr, man müsste viel Zeit aufwenden, um einen guten Grund zu finden, jemanden wertzuschätzen? Ist nicht das alleinige Dasein eines Menschen schätzenswert, weil er als jemand Gutes und Einzigartiges mit ungeahntem Potential die Welt bereichert?

Was wir jedoch sehen, ist immer nur das Böse. Böse Menschen, die Böses tun. Doch fragen wir uns eigentlich auch, wie dieses Böse überhaupt entstanden ist? Glaubt ihr, es wächst dort, wo Menschen Liebe und Wertschätzung erfahren? 

Ohne das Gefühl, etwas wert zu sein, bekommt der Mensch Angst. Und Angst besitzt viele Masken: Krankheit, Neid, Zorn, Eifersucht. Als ob all diese quälenden Gefühle nicht schon schlimm genug wären, wird der als wertlos betrachtete Mensch dafür, dass er sich dank anderer wertlos fühlt, auch noch bestraft. Der Kranke wird verurteilt, weil er krank ist. Vor dem Neider wird malerisch geprahlt. Der Zornige wird provoziert. Und der Eifersüchtige wird beunruhigt. Warum? Weil wir uns erst dann richtig wertvoll fühlen, wenn andere es nicht tun? Ist das nicht vollkommen bescheuert?

Die Antwort

Auch ich fühle mich manchmal wertlos. Zum einen, weil ich nicht so belastbar bin, zum anderen jedoch auch, weil mir dieses Gefühl schon seit Langem in den Knochen steckt. Was heute meine körperlichen Fesseln sind, waren damals meine Mitmenschen, die in mir einen sonderbaren Clown gesehen haben, der zu nichts fähig ist. Ich kann mich gut daran erinnern, wie perfekt ich dieser Rolle entsprochen habe, und das nur, um überhaupt mal irgendeiner Sache zu entsprechen.

Doch seis drum, meine Frage hat sich wie so oft erübrigt. Die Dinge, die ich trotz meiner Wehwehchen stemme, lassen mich nur deshalb nicht wertvoll erscheinen, da sie sich ganz eindeutig prima eignen, den Wert anderer zu erhöhen. Das ist für mich in Ordnung, solange ich es nicht genauso handhabe. Doch manchmal vermisse ich den Zuspruch anderer. Wenn ich allerdings so darüber nachdenke, kann ich meinen Wert schon allein daran erkennen, dass unser Sohnemann bitterlich weint, sobald ich das Zimmer verlasse und unsere Tochter sich jede Nacht an mich presst wie ein riesiger Saugnapf. Es ist schon nicht das Schlechteste, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Trotz Krankheit.