Wenn sich das Gehirn anfühlt, als würde ihm langsam die Luft ausgehen, denkt man fast automatisch an zu wenig Sauerstoff oder zu wenig Durchblutung. Bei CCI liegt das Problem jedoch oft an einer ganz anderen Stelle: Nicht der arterielle Zufluss ist das Problem, sondern der venöse Abfluss.
Schnappatmung im Gehirn
Ich behaupte, jeder Mensch mit CCI kennt das Gefühl, als würde das Gehirn zeitweise in eine Art kraniale Schnappatmung geraten. Doch ich darf euch (mehr oder weniger) beruhigen: Bei CCI liegt in der Regel keine klassische Hypoxie vor, da der Sauerstoffgehalt im Blut meist (!) normal ist. Was jedoch viele spüren, ist eine funktionelle Unterversorgung, also eine Kombination aus instabiler Durchblutung, gestörtem venösem Abfluss und zellulärem Stress.
Sorge um die Vertebralarterien
Aber ganz von vorn: Die in der CCI-Community am häufigsten diskutierten Gefäße der kraniozervikalen Übergangszone sind die Vertebralarterien. Sie ziehen durch die Querfortsätze der Halswirbel, bilden am Atlas einen engen Bogen und treten von dort aus ins Schädelinnere ein, um das Gehirn mit Sauerstoff zu füttern. Da sie aufgrund ihrer Lage ständig mit Bewegungen (und im Falle von CCI mit Überbeweglichkeit) und Spannungen klarkommen müssen, sind sie in der CCI-Community ein großes Sorgenthema.
Aber keine Bange: Bei kurzen Durchflussproblemen stellen die Vertebralarterien kein akutes Risiko dar. Denn:
- Sie besitzen elastische Gefäßwände.
- Es gibt Redundanzen, also mehr als nur diesen Zuflussweg zum Gehirn (nämlich die Arteriae carotides internae und lauter kleine Verbindungen dazwischen)
- Außerdem gibt es den Circulus Willisii: einen cleveren Kreisverkehr für Blut. Kommt von einer Richtung zu wenig davon, gelangt es eben aus einer anderen Richtung zum Gehirn.
Venen sind anfälliger
Deutlich störanfälliger ist der venöse Abfluss. Denn im Gegensatz zu Arterien, die dicke Wände und Eigenpuls besitzen, sind Venen dünnwandig und reagieren empfindlicher auf Druck, Spannung und Fehlstatik. Bei Störungen rückt frisches Blut schlechter nach und es kommt somit zu Schwankungen, erhöhtem Hirndruck und Reperfusion (wenn das Blut wieder fließt). Das Problem bei CCI ist also (meistens) nicht, dass das Gehirn zu wenig Blut abbekommt, sondern ein stockender Abtransport des Blutes. Dadurch entstehen reaktive Sauerstoff- und Stickstoffspezies und dadurch wiederum oxidativer Stress. Somit kann es passieren, dass der ausreichend vorhandene Sauerstoff nicht mehr effizient in ATP umgesetzt wird – was sich für Betroffene wie Sauerstoffmangel anfühlen kann.
Therapeutischer Ansatz bei venösen Abflussstörungen
Bei venösen Abflussproblematiken sollte die Therapie weniger auf „mehr Durchblutung“ abzielen, als darauf, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Abfluss nicht mehr ständig mechanisch gestört wird.
Position und Haltung
Der venöse Abfluss aus dem Schädel ist extrem lageabhängig. Deshalb ist es sinnvoll, Endpositionen zu vermeiden, also starke Flexion oder Extension sowie langes Nach-vorne-Neigen. Wichtig ist eine neutrale Kopf-Hals-Ausrichtung beim Arbeiten, Lesen oder am Handy. Auch im Schlaf spielt die Position eine Rolle: ein leicht erhöhtes Oberkörperniveau, keine starke Kopfrotation und keine hohen Nackenknicke. Ziel ist weniger intermittierende Kompression von Jugularvenen und epiduralem Plexus.
Keine Mobilisation
Alles, was „lockert“, verschlechtert den Abfluss meist. Sinnvoll sind Koordinationsübungen, da sie oft besser verträglich sind als Kraftübungen und diesen ohnehin vorgeschaltet sein sollten. Sie erzeugen keinen hohen intrakraniellen Druck und führen zu weniger Muskelzug auf die Venen. Grundsätzlich gilt: langsames Tempo, maximal zwei bis fünf Wiederholungen, um Mikrobewegungen zu dämpfen, sodass ein gleichmäßigerer venöser Rückstrom entstehen kann.
Atmen
Ein oft unterschätzter Punkt ist die Atemarbeit mit Fokus auf den Druckverhältnissen. Der venöse Abfluss aus dem Gehirn funktioniert passiv und hängt davon ab, wie gut sich ein Druckgefälle vom Schädel über den Hals in den Brustraum aufbauen kann. Eine ruhige Zwerchfellatmung senkt den Druck im Thorax und erleichtert so den Abstrom über die Jugularvenen zum Herz. Flache Brustatmung oder Atemanhalten erhöhen dagegen die Spannung im Hals, verschlechtern den Abfluss und verstärken Benommenheit oder Brain Fog. Entscheidend ist dabei der Atemrhythmus, nicht die Tiefe. Da die Ausatmung den Parasympathikus aktiviert und den Gefäßtonus senkt, hilft eine leicht verlängerte Ausatmung, den Abfluss zu stabilisieren. Starke Atemmanöver, Pressen oder Hyperventilation sollten vermieden werden; abflussfreundliche Atmung bleibt immer ruhig und gleichmäßig. Der Atem bewegt die unteren Rippen, nicht Schultern oder Hals. Der Nacken bleibt neutral, der Kiefer locker. In dieser Form wirkt Atmung regulierend auf Gefäßtonus und Nervensystem.

Pausen
Ein weiterer wichtiger Punkt sind Pausen. Venöse Stauung ist ermüdungsabhängig. Kurze Aktivitätsfenster, geplante Liegepausen – horizontal bedeutet hier Abflussentlastung – und frühes Pausieren statt „Durchziehen“ sind entscheidend. Das verhindert Reperfusionsstress durch Überlastung.
Entlastung anstelle von
Es geht bei CCI also nicht immer darum, vehement einen Zustand zu verbessern. Oft ist der allererste Schritt, nichts weiter zu verschlechtern – am besten mit Hilfe einer Prise Wissen, um eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, was der Körper wirklich braucht und was eher nicht. So oder so: Das Gefühl von Sauerstoffmangel im Gehirn ist keine Einbildung, sondern erklärbar.
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